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Uraufführung: Katharina Gross präsentiert die Musik-Performance „Vorsicht, Katharina!“ von Jan van de Putte. Foto: ff

Schritt für Schritt vorgehen

Lüneburg. Die Erde dreht sich immer schneller, und wir drehen uns mit. Wo früher nachdenklich und sorgfältig Briefe geschrieben wurden, mailen, simsen und twitt ern wir, was das Zeug hält, und versuchen, jederzeit und überall dabei zu sein. Gelingt das? Natürlich nicht, statt etwas zu sehen, kapitulieren wir angesichts der Bilder- und Nachrichtenflut, von „rasendem Stillstand“ ist bereits die Rede. „Das Schwierigste am Laufen ist das Stillstehen“, sagt Katharina Gross, der Satz ist Teil ihrer Musikperformance „Vorsicht, Katharina!“ Mit dem Werk, einer Uraufführung, eröffnet die Cellistin im Glockenhaus die 44. Festival-Woche Neue Musik.

Jan van de Putte schrieb das Solo also eigens für die Musikerin, die neben dem klassischen Violoncello immer auch die mögliche Erweiterung der musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten im Blick hat – so entstand beispielsweise zusammen mit der Lichtkünstlerin Marion Traenkle die „Cello Box“, ein Mikrotheater mit programmierten Lichteffekten.

Texte eines Jesuiten aus dem 17. Jahrhundert

Nun also „Vorsicht, Katharina!“, dafür ließ sich Jan van de Putte – einerseits – inspririeren von der Warnung in der aktuellen Literatur vor dem Informations-Kollaps. Auf der anderen Seite bezieht sich der Niederländer auf Texte eines Jesuiten aus dem 17. Jahrhundert, der vor dem unberechenbaren Phänomen der Freundschaft warnte. Der erste Teil des rund 45-minütigen Werkes ist eine reine Performance. Katharina Gross erobert – zögerlich, ganz vorsichtig – den Raum, zählt die Schritte vorwärts, um den Rückweg im Blick zu behalten.

Der folgende musikalische Teil ist beeinflusst, so sagt es Jan van de Putte, von äthiopischer und serbischer Musik, die Notation fordert komplexe Akkorde, fast durchweg zu spielen am Griffbrettende, Flageoletts, mehrstimmige Glissandi, die wie der auf- und abschwellende Warnton einer Sirene klingen, ein Pianissimo bis dicht an der Abbruchkante der Schwingungen, dazu leiser Gesang – eine technische Herausforderung, zumal das Ganze wie eine Reise durch schwerelose Welten klingen soll. Das alles bewältigt Katharina Gross mit Bravour, die sphärische Musik scheint die Spannung, die im Performance-Teil aufgebaut wurde, aufzusaugen und in positive Energie umzuwandeln. Es gibt nur wenige rhythmische Akzente, ein Gefühl von Zeitlosigkeit stellt sich ein.

Von Frank Füllgrabe