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„Schlittenfahrt des Großen Kurfürsten“ (Öl auf Leinwand, um 1886) von Wilhelm Simmler. Foto: ff

Der Zar war nur Kurfürst

Lüneburg. Wir wissen nicht, wer der vornehme Herr mit dem gewaltigen Schnauzbart und dem steifen Rock war, der für den Maler Otto Ewel in einem noblen Salon posierte. Rötliche Haut um Nase und Wange weist auf eine gewisse Vorliebe für einen guten Tropfen hin, aber sonst? Dr. Jörn Barfod blickte auf die Fahne (gemeint ist ein Wappen) links von dem Mann – und schlug zu, der Kunst-Kurator des Ostpreußischen Landesmuseums kaufte das großformatige Gemälde für einen moderaten Preis bei eBay.

Kunst kann auch zu groß sein

Otto Ewel (1871-1954), Kunstgewerbelehrer in Königsberg, schuf Anfang der Dreißiger Jahre eine ganze Reihe von Darstellungen ostpreußischer Gutshäuser, sowie Porträts ihrer Besitzer. „Als ich den Preußischen Adler mit der Krone auf der Fahne gesehen habe“, so Dr. Barfod, „da wusste ich, dass dieses Bild dazugehört.“ Jetzt ist das Gemälde (Öl auf Leinwand, datiert um 1932) Teil der Museums-Präsentation „Gross-art[ige] Kunst“, zu sehen in dem Raum, der für Sonderausstellungen reserviert ist.

Es sind fast durchweg richtige Ölschinken – opulent, repräsentativ, manchmal auch, zumindest nach heutiger Wahrnehmung, ganz schön kitschig. Sie stammen aus Nachlässen, Schenkungen, oder eben vom Kunstmarkt. Die Leinwände hatten einmal Ehrenplätze in Kirchen und Schlössern, in Ratshäusern oder in den feinen Stuben des Großbürgertums, sollten den Häusern (und natürlich ihren Besitzern) zusätzliche Bedeutung verleihen.

Heute hat kaum noch jemand genug Platz an der Wand für solche Bilder, viele lagern nun in den Archiven der Museen, und es ist für die Kuratoren nicht einfach, sie in einem sinnvollen Zusammenang zu zeigen. So wählte Dr. Barfod neben der schieren Größe die Zeit (19. und 20. Jahrhundert) und auch das dem Herstellungsprozess zugrunde liegende Sendungsbewusstsein als Kriterien.

Schnäppchen für Museums-Kuratoren

Die Bilder zeigen Jäger und Elche, sie künden von der Liebe zu Land und Leuten (Fischer in der Kurischen Nehrung), und was da manchmal aus privaten Kellern und von Dachböden bei Umzügen hervorgekramt wurde, mag auf dem freien Markt nicht mehr viel wert sein – aber der Museums-Kurator, der in Zusammenhängen denkt, kann da eben noch manches Schnäppchen machen. Der „Abend an der Kurischen Nehrung“ von Ernst Bischoff-Culm (1870-1917) etwa gehört zu den wenigen Arbeiten aus der frühen, noch naturalistischen Phase des Malers, der sich später dem Impressionismus zuwandte. „Ich kenne“, so Dr. Barfod, „von ihm kein zweites Gemälde dieser Art“.

Jedes Werk hat seine Geschichte, auch mal seine Irrtümer: Ein Gemälde von Wilhelm Simmler (1840-1923) zeigt eine dramatische Schlittenfahrt über das Eis, der Inhaber glaubte an eine Szene mit Zar Peter dem Großen. Recherchen ergaben: Das Gemälde ist ein Entwurf eines noch viel größeren, 1891 vollendeten und 1944 zerstörten Wandbildes für die Berliner Ruhmeshalle. Es zeigt tatsächlich eine Schlittenfahrt des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Geschildert wird die Überfahrt über das Kurische Haff 1679. Die Identifikation des eingangs geschilderten Landadeligen steht noch aus.

Die „Gross-art[ige] Kunst“ ist noch bis zum 28. Oktober zu sehen.

Von Frank Füllgrabe

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