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Eigentlich sollte der Autor Mike Krzywik-Groß, passend zu seinem neuen dystopischen Roman, vor schäbiger Kulisse böse gucken – „aber das fällt mir immer so furchtbar schwer!“ Foto: ff

Der Blade Runner grüßt

Lüneburg. Das Berlin der Zukunft ist zu einem düsteren, steinernen Dschungel geworden: Verbrechersyndikate regieren die Straße, die alte Stadt verfällt, ringsum haben Megakonzerne gewaltige Firmentempel in Pyramidenform errichtet, eine Zweitwelt. Mitten im alten Moloch: der abgehalfterte Privatdetektiv Paul Dante, dessen einziges Kapital seine Zähigkeit ist. Noch einmal bekommt er eine Chance: Das Firmenimperium ZetaImpChem beauftragt ihn, eine verschwundene Person zu suchen.

Wer hier an den Film „Blade Runner“ denkt, der liegt genau richtig. Mike Krzywik-Groß ist ein großer Fan von Ridley Scotts legendärer Dystopie. Und so hat „Alter Ego“, der neue SciFi-Roman des Lüneburgers, einige Parallelen. „Ich habe das richtig genossen in dieser Welt schreiben zu können“, sagt der Autor. Harrison Ford alias Phil Deckert heißt jetzt also Paul Dante, er sieht auf dem Buchcover allerdings eher aus wie Bruce Willis. „Auch gut“, so Krzywik-Groß, „seine Rolle in ‚Stirb langsam‘ als hardboyled detective im zerrissenen Unterhemd hat mich ebenfalls beeinflusst.“

Neues aus der Reihe „Shadowrun“

Paul Dante allerdings hat statt eines rechten Arms eine alte Prothese vom Schrott. Andere Menschen können es sich leisten, ihren Körper mit hypermodernen Maschinenteilen zu tunen, er nicht. Die organische Verbindung von Mensch und Maschine hat in der Literatur einen Namen: Cyberpunk. Es ist gar nicht so einfach, „Alter ego“ einzuordnen, denn es tauchen auch Elfen, Drachen und Zwerge auf, was eher auf Fantasy verweist. Außerdem kann Paul Dante zaubern, das heißt, er konnte es einmal.

Entscheidend ist ein Name: „Shadowrun“. Das ist, ähnlich wie „Dungeons and Dragons“, ein Pen-and-Paper-Rollenspiel aus den USA, erstmals im Jahr 1989 erschienen. Natürlich hat Krzywik-Groß, Jahrgang 1976, da schon als Teenager mitgespielt und die begleitenden Romane verschlungen. Es gibt in Hamburg eine Shadowrun-Redaktion, die den Buchmarkt mit deutschen Fassungen versorgt, keine einfachen Übersetzungen, sondern eigenständige Stories. Als aber zehn Jahre lang kein neuer Shadowrun erschien, da wurde der Lüneburger nervös. Also bot er dem Chefredakteur Tobias Hamelmann an, selbst einen zu schreiben. Krzywik-Groß hatte mittlerweile als Autor einen guten Ruf in der Branche, sein Exposé bekam den Zuschlag, ein Jahr später war die 370-Seiten-Story fertig, jetzt ist sie zu kaufen (12,95 Euro).

Er unterrichtet kreatives Schreiben

Im richtigen Leben ist Krzywik-Groß Sozialpädagoge, beschäftigt an der Leuphana im Studiengang Soziale Arbeit, ist Dozent an der Uni und an der Volkshochschule, wo er kreatives Schreiben unterrichtet und angehende Autoren auf dem Weg zum ersten Verlags-Vertrag berät. Und natürlich ist er Schriftsteller, mit vier Romanen und Kurzgeschichten in rund zwanzig Anthologien präsent.

Der freundliche Sozialarbeiter entwickelt beachtliche kriminelle Phantasie: „Die Projektile hämmerten im Stakkato gegen den umgeworfenen Tisch“, so beginnt der Roman, freundlicher wird er nicht. Paul Dante immerhin hat eine Verbündete, das ist Aggi, eine ruppige Punkerin (eigentlich sind die meisten Menschen in dieser Geschichte ruppig) und begnadete Hackerin, was ein bisschen an die Krimi-Heldin Lisbeth Salander erinnert. Und es gibt Verweise zu „Matrix“, denn die Protagonisten im Berlin von 2076 können sich über Schnittstellen, die in ihrem Körper implantiert sind, in verschiedene virtuelle Welten einloggen – wenn denn in dieser verdammten, kaputten Stadt das WLAN funktioniert.

Premierenlesung am 25. Oktober

„Alter Ego“ erscheint bei Pegasus Press, einem Verlag, der zunächst nur Spiele publizierte. Am Donnerstag, 25. Oktober, 18 Uhr, liest der Autor bei „Mythos“ (Am Berge) aus dem neuen Roman, der offensichtlich in der Lesergemeinde bestens ankommt: „Mein Titel musste schon vier Mal nachbestellt werden“, freut sich Krzywik-Groß – „allerings habe ich vorsichtshalber nicht nachfragt, wieviel Exemplare jeweils neu geordert wurden.“

Von Frank Füllgrabe