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Hinrich Gross hat mithilfe von scharf projizierenden Theaterscheinwerfern diesen Raum des Heine-Hauses umgebaut. Foto: t&w

Die Lehre von der Leere

Lüneburg. Licht ist in der Kunst, das klingt jetzt wie eine Banalität, eine wichtige Angelegenheit. Wo keines ist, sieht man bekanntlich nichts. Aber natürlich ist der akzentuierte Einsatz von Lichteffekten in der Malerei ein zentrales Gestaltungselement. Das geht bis hin zu William Turner, der – seiner Zeit weit voraus – die Substanz des Sonnenlichtes in der Landschaft manifestierte. Hinrich Gross hat seine Arbeiten nun von jeder Ausstattung befreit; wohin das führt, zeigt die Ausstellung „Helle Leere“ im Heinrich-Hein-Haus.

Von der Sonne zum Scheinwerfer: Drei Installation sind zu sehen, sie tragen die Titel „Tektonik I bis III“ und bestehen im Kern aus Projektionen. Lichtplatten also, die sich aneinander reiben und sich überlagern, Tektonik ist zunächst einmal die Lehre vom Aufbau der Erdkruste und von den in ihr stattfindenden klein- und großräumigen Bewegungen.
Sieben altmodische Diaprojektoren hat Hinrich Gross so platziert, dass ihre Bilder, die weißen Rechtecke, sich auf der nahen Galerie-Wand überlagern. Das juckt in den Fingern, daran herumzufummeln – und das ist tatsächlich auch erlaubt, sogar erwünscht: Neue Stellungen, neues Kunstwerk, Gross bittet darum, ihm die Ergebnisse als Foto zu schicken. Wer weiß, vielleicht sind ja Lösungen dabei, aus denen wiederum etwas Neues entstehen kann?

Keine Farbe, keine Dämpfe

Tektonik zwei im Raum nebenan ist anders, hier wurde alles zentimetergenau austariert. Bühnenscheinwerfer, sie heißen „Profiler“ (weil sie im Theater für klare optische Abgrenzungen benutzt werden), definieren die Kanten und Flächen des Zimmers neu, die tatsächliche Architektur tritt hinter der Illusion zurück, echte Mauern werden geknickt und abgeschrägt. Dafür hat Hinrich Gross den Ort penibel vermseessen, dazu gehört auch, dass es nun zwei ideale Betrachter-Positionen gibt, sie sind mit Kreuzchen auf dem Fußboden markiert. Der Betrachter, der hier steht, hat idealerweise eine Augenhöhe von 161 Zentimetern, aber das lässt sich im Galerie-Alltag wohl nur schwer sicherstellen.

Letztlich geht es also um das reine weiße Medium, wenn man einmal davon absieht, dass Weiß ja strenggenommen eine Mischung aus den Regenbogenfarben ist. Aber: keine Farbe, keine Dämpfe, mit denen sich die Strahlen sichtbar machen ließen, nur Licht auf der Fläche, gewissermaßen eine Umkehrung der schwarzen Quadrate von Malewitsch.

Film wird auf den Fußboden projiziert

Tektonik drei folgt nicht der Lehre von der reinweißen Leere, hier wird ein Film auf den Fußboden projiziert. Dafür wurde der Teppich weggenommen, was im denkmalgeschützten Heinrich-Heine-Haus ein Genehmigungsverfahren nötig machte. Zu sehen sind parallel drei Filmausschnitte, die Lichtreflexe in den Bäumen schildern, und es gibt begleitend dazu Musik von Sylvia Schultes. Das Ziel: die Wahrnehmungsebenen zu verschieben, zu irritieren, der Betrachter läuft gewissermaßen auf einem flirrenden, unsicheren Lichtteppich.

Hinrich Gross, geboren 1959 in München, studierte Architektur und freie Kunst in Hamburg, arbeitet für Galerien wie für Ballett und Schauspiel, er lebt in Hamburg. Die vom Kunstverein Lüneburg initiierte Ausstellung läuft bis 28. Oktober, jeweils mittwochs bis sonntags, und zwar praktischerweise nach Sonnenuntergang, 19.30 bis 21.30 Uhr; nur am 24. und 27. bleibt die Galerie geschlossen. Gruppenführungen: Tel. 04131/7891000.

Von Frank Füllgrabe