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Charlotte Link beäugt Alida Gundlach, sie kennen sich schon lange. Foto: t&w

Einsamkeit macht krank

Lüneburg. Die Zahl der Morde in Lüneburg nimmt in diesen Herbsttagen wieder drastisch zu, massenhaft Serienzuhörer mischen mit. Tatorte sind unter anderem die Psychiatrische Klinik, das Salzmuseum, die Musikschule und sogar das Kloster. Anders gesagt: Das neunte Krimifestival läuft. Zum Start mit Charlotte Link ist der große Saal im Filmpalast voll besetzt, und am Ende reicht die Schlange derer, die sich „Die Suche“ signieren lassen wollen, bis in die letzte Reihe.

Dass die Autorin schon 28,5 Millionen Bücher verkauft hat, hebt Sylvia Anderle vom Veranstalter Lünebuch hervor. Die Zahl steigt gerade rapide, denn „Die Suche“ sprang auf Anhieb an die Spitze der Bestsellerlisten, liegt zurzeit auf Rang zwei. Den mörderischen Erfolg erschreibt sich eine Frau, die elegant, ruhig, freundlich und sehr kontrolliert auftritt. Mitgebracht hat sie eine alte Bekannte, die wie immer leicht überdrehte frühere Moderatorin und heutige Tierschützerin Alida Gundlach. Sie gibt Farbe in den Abend, aber beherrschend ist das Buch.

Psychologisch statt blutrünstig

Psychologisch statt blutrünstig seien die Krimis von Charlotte Link, sagt Gundlach. Tatsächlich interessiert sich die Autorin dafür, warum Menschen gegen ihr Wissen und Gewissen fürchterliche Dinge anrichten. Warum reißt die Psyche Abgründe auf, die sich rational nicht nachvollziehen lassen? In „Die Suche“ entführt ein Täter – oder eine Täterin? – junge Mädchen. Manche tauchen tot auf, andere bleiben verschwunden. Und es gibt neue Fälle.

Charlotte Link spielt für ihre Menschenerkundung die Klaviatur des Krimis perfekt, mit dem Zuspitzen der Dramatik bis hin zu einem Showdown. Im Zentrum des Ermittelns stehen zwei – Link-Lesern schon bekannte – Figuren mit persönlichen Problemen, natürlich ein Mann und eine Frau, die natürlich nicht richtig zusammenkommen und über die natürlich von Fall zu Fall mehr bekannt wird. Caleb Hale und Kate Linville sind so etwas wie einsame Wölfe.

Romane spielen in England

Einsamkeit ist das eigentliche Thema in „Die Suche“, sie betrifft die Eltern der Kinder ebenso wie die Ermittler. Die innere Verlorenheit reicht in dem Roman bis in die Ehe einer gut situierten Familie, deren verschwundene Tochter sich längst von ihren Eltern abgekoppelt hat. Das Überthema leitet auch, das darf verraten werden, die Täterseite.

Links in England spielende Romane basieren auf penibler Recherche und Einfühlungsvermögen auch in die Täterperspektive. Dazu kommt die Bereitschaft, den erdachten Figuren ein Eigenleben zuzubilligen, was die erdachte Geschichte ändern darf.

Charlotte Link macht keine Show aus ihrem Auftritt. Sie antwortet auf nachhakende und auf rhetorische Fragen mit Bedacht, liest Passagen aus ihrem Buch ebenfalls ruhig, undramatisch. So wird es ein eher unspektakulärer Abend für ein Buch, das dem Leser zwar einsame, aber aufregende Stunden bietet.

Von Hans-Martin Koch