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Chris Carter, umrahmt von Karla Paul und Wanja Mues. Foto: t&w

Viele miese Eigenschaften

Lüneburg. Hart, härter, Carter! So stellt der Ullstein-Verlag einen seiner Bestseller-Autoren vor, den 1965 in Brasilien geborenen, heute in London lebenden Mus iker Chris Carter. Vor seiner Karriere als Rock-, Pop- und Jazzgitarrist studierte er Psychologie in den USA, machte bereits mit 20 Jahren seinen Abschluss auf dem Spezialgebiet forensische Psychologie und arbeitete sechs Jahre lang für die Staatsanwaltschaft in Michigan.

Seinen intensiven Erfahrungen und hunderten Gesprächen mit Tätern und Opfern entstammen bestialische Horrorszenarien, die in seinen inzwischen neun Bestsellern auftauchen, verschärft auch im jüngsten Thriller „Blutrausch – er muss töten“. Doch dieser Kenner extremer menschlicher Grausamkeiten bleibt entspannt. Carter gestaltet seine Lüneburger Lesung mit fast jungenhafter Heiterkeit. Im ausverkauften Kunstsaal während des 9. Lüneburger Krimifestivals stellte er seinen original „Gallery oft the death“ betitelten Thriller vor und unterhielt seine Zuhörer mit informativen und skurrilen Details aus seinem Leben.

Chris Carters erfrischenden Humor teilten seine deutsche Stimme, der gefragte Schauspieler und Buch-Interpret als Hörbuch-Sprecher Wanja Mues, und die temperamentvolle Literatur-Expertin und Fachfrau für digitales Publizieren, Karla Paul. Die Moderatorin des Abends befragte den ernsten und doch so netten, amüsanten, lässigen, bunt tätowierten Schriftsteller, der zünftig mit langem offenen Haar, Silberkettchen und Totenkopf auf dem schwarzen T-Shirt erschienen war.

Eigentlich wollte er Musiker werden

Carters eloquente Antworten brachten das Publikum immer wieder zum Lachen, zum Beispiel, als es von einer Jugendsünde erfuhr. Als Student ließ er sich von einem Strand weg als kaum bzw. nicht bekleidetes Model engagieren – schließlich musste man ja irgendwie zu Geld kommen. Zum Schreiben sei er ebenso ungewollt gekommen. Er habe damals und auch als Kind nicht ein einziges Mal daran gedacht, dass er einmal Schriftsteller würde, auch nicht, als er entnervt von der menschlichen Gemeinheit nach Los Angeles ging, um sich ganz der Popmusik zu widmen.

Erst als er vor zehn Jahren einen Traum hatte, an dessen komplette Story er sich erinnerte, habe ihn seine Freundin ermuntert, alles zu notieren. Just beim Schreiben fiel ihm eine Kriminalgeschichte dazu ein, die bei Freunden und „neutralen“ Lesern in aller Welt, die er über einen Internet-Chatroom fand, sehr gut ankam.

Sonderermittler-Duo Robert Hunter und Carlos Garcia

Gleich die erste Veröffentlichung, übrigens in Deutschland, wurde ein voller Erfolg. Seitdem strickt Carter an seiner Thriller-Reihe um das Sonderermittler-Duo Robert Hunter und Carlos Garcia, die in 28 Länder exportiert wird. In der Serie geht es stets hochspannend zu, blutrünstig natürlich, aber es gebe in Wirklichkeit erheblich Schlimmeres.

Im aktuellen neunten Thriller habe er dem Killer vier arge Eigenschaften zugeschrieben, die er seinerzeit bei vier verschiedenen Tätern kennengelernt habe. Hunter sei wieder ein wenig wie er selbst, Carter. Und es wird wieder formuliert und vor allem intelligent, wo es um die Aufklärung der Verbrechen geht. Carter selbst nennt seinen Schreibstil „normal“, er sei da ohne literarische Ansprüche. Jeder könne schreiben!

Jede Menge Cliffhanger

Doch für Carters Spezialtalent sprechen die Authentizität der Fakten und seine ungewöhnliche Beobachtungsgabe. Wer das Buch lese, der solle bedenken, dass es zudem voller nervenaufreibender Cliffhanger stecke, so Karla Paul. Nachdem Carter selbst aus den englischen Originaltext rezitiert hatte (bei ihm, bedauerte er, hätten die beiden Detektive leider dieselbe Stimme), bot Wanja Mues drei Abschnitte aus der deutschen Ausgabe – vielstimmiges Kopfkino vom Allerfeinsten!

Carter steht dazu, dass er nach jeweils fünftägiger Arbeit als Autor die Wochenenden genießt, mit Musik und auf Partys – man lebe nur einmal. Und, gefragt, wann es endlich eine Liebesgeschichte in seiner Thrillerreihe gebe, machte er den Lesern tatsächlich Hoffnung: Sie habe in „Blutrausch“ bereits begonnen!

Von Antje Amoneit