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Wie weit kann ein Bild gehen? Helmut Streich bei der Hängung seiner Ausstellung. Foto: t&w

Der Maler und die Unendlichkeit

Scharnebeck. Es gibt ein Foto in Schwarzweiß aus jüngeren Jahren Helmut Streichs, darauf sieht man ihn in die Luft springen, den Farbeimer in der Linken, in der Rechten einen dicken Pinsel, der gerade der oberen Ecke einer mehr als mannsgroßen Leinwand eins auswischt. Darum geht es also in der Kunst, in seiner Kunst: etwas planen, etwas riskieren, etwas dem Zufall überlassen. Das Foto zeigt Helmut Streich als Maler heftiger Bewegung für Bilder explosiver Dynamik. Mit den Jahren wächst Grüblerisches hinzu. Neue Bilder zeigt Helmut Streich auf dem Kulturboden bei Kurator Anton Bröring.

Der Bremer und Rätzlinger Streich zeigt zum zweiten Mal Bilder in Scharnebeck. Bremen wurde durchs Studium zur künstlerischen Basis, Rätzlingen blieb seine Heimat; Rätzlingen in Sachsen-Anhalt, Zonenrandgebiet, 691 Einwohner. Dort besaß Streichs Vater eine Schmiede, heute dient sie dem Künstler als Atelier. Streich ist 1946 geboren, als Fünfjähriger wurde er unter dem Schlagbaum gen Westen geschoben. Er studierte in Bremen und Düsseldorf, seither ist er mit Anton Bröring in Kontakt, Bröring ist auch ein 46er, der erste Nachkriegsjahrgang.

Malerei funktioniert wie Musik

Es schien viel Sonne in diesem Jahr, Streich malte draußen, und das helle schimmernde und flimmernde Licht ist in einigen der Bilder enthalten. Sonnige Bilder sind es dennoch nicht. Streich forscht in Inhalt, Material und Technik in die Tiefe hinein. Die Großformate auf dem Kulturboden heißen alle „Sternzeit“. Ihnen zugrunde liegt die „Idee, in die Unendlichkeit zu gucken“. Streich spricht auch davon, „die andere Welt zu begreifen, die wir nicht begreifen.“

Malerei funktioniert wie Musik als eigenständige, vielschichtige Sprache, sie kann die unser Denken und Fühlen weiten. Das malerische Handwerk dazu beherrscht Streich mit einer Souveränität, die seinen abstrakten Bildern innere Spannung gibt. Das gelingt vielen Kollegen nicht, ist aber entscheidend, soll Abstraktion wirken.

Die gestische Malerei, die körperliche Bewegung ist bei den großen Bildern spürbar, die Malerei weist weit über die Grenzen der Leinwand hinaus. Über die Farbflächen ziehen sich Ornamente, mit der Rolle aufgetragen, sie drücken sich mal mehr, mal weniger ins Bild hinein. Streichs Lust am Gestalten geht bis dahin, dass er mit der Zahnbürste Farbe aufnimmt und pünktchenartig auf die Leinwand sprüht.

„Man kann ein Bild auch totmalen“

Bei den kleineren Formaten verdichten sich die Gestaltungsmittel und manchmal, so Streich, sage seine Frau: Genug! Wann ein Bild ein Ende hat, das ist nicht leicht herauszufinden. „Man kann ein Bild auch totmalen“, sagt Streich. Das ist bei den Bildern auf dem Kulturboden nicht der Fall. Noch eins ist recht typisch für Streich: Streifen gliedern seinen malerischen Weg. Lineare Gliederungen tauchen oft auf, aber sie sind nur ein Gerüst, das gefüllt und verwandelt werden kann, das Farbflächen öffnet, mit denen es in die Tiefe geht – und sei es in die des Universums.

Kurator Anton Bröring eröffnet die Ausstellung am Sonnabend, 27. Oktober, um 16 Uhr, Bürgermeister Hans-Georg Führinger begrüßt. Zu sehen ist Streichs Malerei bis zum 17. November freitags 16 bis 18 Uhr, sonnabends 15 bis 17 Uhr und sonntags 11 bis 13 Uhr.

Von Hans-Martin Koch