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Starke Stimmen: Michael Connaire als Jephtha und Vera Philipponi als seine Tochter Iphis. Foto: tonwert21.de

Über Menschlichkeit und Vernunft

Lüneburg. Mit Bravo-Rufen und enthusiastischen Beifallsstürmen feierte das Publikum in St. Michaelis die optisch wie musikalisch faszinierende Premiere von Händ els „Jephtha“. Das heute als reifstes anerkannte und musikalisch weit in die Zukunft weisende Werk des Barockkomponisten gewann in der wirkungsvollen Inszenierung Friedrich von Mansbergs unter der empfindsamen musikalischen Gesamtleitung von Michaeliskantor Henning Voss intensive Plastizität und ungemein bewegende Aktualität.

Durch die überraschende Ausleuchtung des Raumes, dem im Altarraum aufgebauten schlichten Podium mit Tribüne, wird die gesamte gotische Hallenkirche zu einer überwältigenden Bühne. Nachtblaues Dämmerlicht bestrahlt die Decke des Altarraumes, blutrot wird die große Orgel angestrahlt, bevor die in englische Verse gesetzte Geschichte beginnt. Die Lüneburger Symphoniker nehmen ihre Plätze ein, lassen die Ouvertüre erstrahlen. Aus den Zuschauerreihen schreiten schwarz gekleidete Menschen langsam zum Podium, während das Licht in vielen Farben changiert. Der Kammerchor St. Michaelis formiert sich, er wird später hochqualifiziert das Volk Israel und die Schar der Priester verkörpern.

Dramatische Ausleuchtung der gotischen Halle

Regisseur von Mansberg tritt auf und berührt mit eindrucksvollen Worten den Kern der Aussage, um die es im „Buch der Richter“ und somit in „Jephtha“ geht. Das Volk Israel wird von den Ammonitern unterdrückt und gequält. Es verlangt, dass sich die Politiker einsetzen, ihr Leben und ihren Glauben zu schützen.

Doch Moral und Anstand sind klein, wie so oft auch in der Gegenwart, in der die Diskussion über Werte, religiöse Motivation und Interpretation sowie Bedrohung, Gewalt und Toleranz allgegenwärtig ist. Das Spiel und das Singen auf der Bühne beginnen, sinnreich unterbrochen von Friedrich von Mansbergs Kommentaren und Fragen, die er auch direkt an die Protagonisten richtet. Zum englischen Text leuchten deutsche Untertitel auf zwei Leinwänden auf. Richter Jephtha, selbst ein von seinen Stiefbrüdern Verstoßener, wird zum Anführer des entscheidenden Krieges verpflichtet.

Die ganze Palette der Gefühle

Frau und Tochter fürchten um sein Leben. Jephtha nimmt den Auftrag an und gelobt Jehova, zum Dank für einen göttlich gegebenen Sieg das zu opfern, was er bei seiner Rückkehr zuerst erblickt. Es ist seine Tochter. Kann es aber Gottes Wille sein, einen Menschen zu opfern, wie es auch die Feinde tun?

Librettist Morell wandelt die biblische Vorlage ab. Ein Engel rettet „Iphis“, wie einst Euripides‘ aulische Iphigenie. Er zitiert den Apell Popes, “Whatever is, is right“, den später Hegel mit seiner Maxime „Alles was ist, ist vernünftig“ aufgreift. Auch Händels Musik weist in die Zukunft einer von erlösender Barmherzigkeit regierten Gesellschaft, in dem sie mit Mitteln des neuen Galanten Stils nachhaltig eine facettenreiche Palette der Gefühle provoziert.

Kompetentes Solistenensemble

Daran anknüpfend weist die Regie Friedrich von Mansbergs in die Zukunft, prangert starres, überholtes Regelwerk an und wirbt für dringend gebotene Menschlichkeit und Vernunft. Zu Veränderungen der Partitur und einer traditionellen konzertanten Oratorien–Aufführungspraxis gehören die gesamte Szenerie und viele besondere Effekte. Genannt seien hier nur das märchenhafte Kostüm des Engels, der himmlisch seine Arie singt, jedoch anstelle des Rezitativs auf Jephtha einredet (Hedwig Voss), sowie ohrenbetäubendes Donnergrollen der großen Orgel (Daniel Stickan) auf dem Höhepunkt seelischer Not. Henning Voss, die sehr konzentriert agierenden Lüneburger Symphoniker, der Kammerchor St. Michaelis und die wunderbaren Solisten konzentrieren sich auf das enorme emotionale Potenzial der Musik.

Das kompetente, durchweg sehr überzeugende Solistenensemble erfreut in den Rezitativen, Arien und Ensembles durch individuelle klangliche Schönheit und Wandlungsfähigkeit in Verbindung mit fesselndem Spiel: Michael Connaire als Jephtha, Anne Bierwirth (seine Frau Storge), Vera Filipponi (Iphis), Alex Potter (ihr Verlobter Hamor), Holger Lorkowski (Jephthas Bruder Zebul) und der Engel (Hedwig Voss).

Von Antje Amoneit

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