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Selfie als Ausdruck der eigenen Wahrnehmung – eine Arbeit von Ingrid Wolf-Junker. Foto: ff

QR-Codes und Fischhaken

Lüneburg. Früher hieß es: Selbstportrait – gezeichnet oder gemalt, mit der Intention, etwas zu vermitteln: Stolz auf die gesellschaftliche Position, Selbstbewusstsein, oder umgekehrt Selbstzweifel, Misstrauen, Schmerz, man denke an van Gogh, und manchmal sollte es einfach ein möglichst nettes Bild von der eigenen Person sein. Heute heißt das Selfie, geht ruckzuck dutzendfach und lässt sich auch genauso schnell wieder löschen. Was aber macht nun ein Künstler, der zum Thema Selfie malen soll?

Helfies, Welfies und Drelfies

Darum geht es in der aktuellen Ausstellung des Bundes Bildender Künstler (BBK) Lüneburg im Heine-Haus. Das heißt: Längst gibt es nicht nur Selfies, sondern Helfies (mit Betonung der eigenen Haarpracht), Welfies (Bilder vom verschwitzten Ich im Fitness-Studio), Drelfies (entstanden nach einer durchzechten Nacht, ein Fall für die Löschtaste) und unzählige weitere Variationen.

Mit solchen Feinheiten hat sich Katharina Lechner beschäftigt, explizit etwa mit dem „Fish-Hook-Selfie“, was ja eigentlich Angelhaken-Selbstbildnis heißt. Dabei muss man/frau in lässiger Geste den kleinen Finger im Mundwinkel platzieren. Eine Frau (also Lechner) hat genau dies getan, sieht auch ganz cool aus, aber der Hintergrund rückt nach vorn: Rund um das Smartphone ist eine wunderbare Gebirgswelt zu sehen, aber auf dem Selfie selbst zerstören Bagger die Natur und schaffen für den Bau von Hotels erst einmal eine Mondlandschaft.

Constanze Straub ist noch einen Schritt weitergegangen: Statt eines Selfies zeigt sie einen – gemalten – QR-Code, das sind diese quadratischen Schwarz-Weiß-Muster, die man mit dem Smartphone scannen kann; QR steht für quick response, schnelle Reaktion. In diesem Fall gelangt man auf die Homepage der Künstlerin, die hier echte Eigenporträts aus vergangenen Zeiten präsentiert. Digitale Selfies, so Straub, folgen Regeln für eine gelungene Inszenierung, in seiner Überspitzung wird der Code an sich zum Bild – das hier aber als Brücke zurück zum klassischen Selbstporträt funktioniert.

Momente des Glücks

Noch eine andere Position: Selfies entstehen in besonders intensiv erlebten Momenten, eben auf der Spitze eines Berges, in Augenblicken des Glücks, so Dietlind Horstmann Köpper. Sie erinnert sich daran, als Kind ein richtiges, lebendiges Schaf in den Armen halten zu dürfen. Und so hat sie sich in dieser Situation als Vertreterin einer Prä-Selfie-Generation gemalt. Anderswo wird das Selfie als weitergehende Auseinandersetzung mit dem Ich und mit der prägenden Vergangenheit verstanden, und für die Bildhauerin Barbara Westphal hat „die Darstellung von Körpern immer etwas mit dem eigenen Körpergefühl zu tun“, zu sehen ist die Skulptur einer auf dem Boden liegenden Frau.

Karl-Willi Haase hat sich selbst auf eine Körperhaltung reduziert, auf seinen Schatten, der vor ihm auf das Straßenpflaster fällt. Michael Heinrich zeigt sechs Puppen in Mädchen-und-Jungen-Klischees, neben einem Batman, die Füße fest auf dem Boden, steht eine Fee in koketter Haltung.

Auf der Vernissage am Sonntag, 4. November, 11.30 Uhr, spricht Claudia Hoffmann zur Einführung, den musikalischen Rahmen gestaltet Ulrike Hennecke. Die Ausstellung ist bis 18. November (mi./sbd./so. 11-18 Uhr) geöffnet. Insgesamt 14 BBK-Künstler/innen sind mit 28 Arbeiten beteiligt, dazu ist ein Katalog erschienen.

Von Frank Füllgrabe

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