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Natasha Korsakova kam mit Geige und Buch zum Lüneburger Krimifestival. Foto: t&w

Lesung mit Solo-Violine

Lüneburg. Einen Krimi, dessen Handlung sich um eine berühmte alte Violine rankt und dessen Protagonisten – und Morde – sich im Milieu des klassischen Musikbetriebs bewegen, hat bisher im Programm des Lüneburger Krimifestivals gefehlt. Das war deutlich zu spüren im voll besetzten Saal der Musikschule, wo man sehr gespannt war auf eine derartige Rarität. Mit ihrem Krimi-Debüt „Tödliche Sonate“ nimmt Natasha Korsakova den Leser mit in die Welt der Musik­agenten und musikalischen Genies, in der sie sich hervorragend auskennt.

Die in der Schweiz lebende, international gefragte Violinistin und sprachbegabte Krimiautorin hatte ihr wunderbares altes Instrument mitgebracht. Darauf spielte die Künstlerin mit russisch-griechischen Wurzeln berühmte Violinsoli von Komponisten, die in ihrem Buch vorkommen und mit denen sie auch das entsprechende Hörbuch illustriert.

Stradivari-Geigen und ihre Kopien

Sarabande und Chaconne aus dem wohl berühmtesten aller klassischen Solowerke für Violine aus Johann Sebastian Bachs monumentaler d-Moll-Partita entzückten gleich zu Beginn das Publikum. Bach lebte zur Zeit des Barock, wie auch der italienische Komponist Corelli, dessen „La Folia“ erklang. Und wie Antonio Stradivari, der berühmteste Geigenbaumeister aller Zeiten. Ihm und vor allem seiner legendärsten Geige, der „Messias“ von 1716, widmet Korsakova einen Teil ihrer der Story.

Der andere Teil spielt 2017 in Rom. Die angeblich sagenhaft klingende Violine lag schon bei Stradivari in Cremona bis zu seinem Tode 1737 in der Vitrine, erzählt die Autorin. Sie wurde bis dato nie im Konzertsaal genutzt und befindet sich heute in Oxford. Natasha Korsakova würde diese Geige selbst dann nicht spielen, wenn sie es dürfte. Die Enttäuschung wäre vielleicht zu groß!

Brisanterweise wird die Echtheit des am höchsten versicherten Musikinstrumentes der Welt von Experten nicht nur bestätigt, sondern auch angezweifelt. Grund genug, diese Inspirationsquelle zu nutzen und eine zweite Supergeige Stradivaris zu erfinden, die „Bocciolo di Rosa“. Und Korsakova erdichtet die Geigerin Arabella, mit der sie sich teilweise identifiziert. Arabella spielt die gleiche strahlend und biegsam klingende Violine wie die Autorin selbst. Es ist eine der rund 30 Kopien, die der bedeutendste französische Geigenbauer seiner Zeit, Vuillaume, um 1870 präzise nach der „Messias“ baute.

Arabella ist die Nichte der (ebenfalls erfundenen) einflussreichen Musikagentin Cornelia Giordano, die gleich zu Beginn ermordet wird, ein Skandal. Und schon taucht die wichtigste Romanfigur auf, der Commissario der römischen Questura. Di Bernardo hat entfernt Ähnlichkeit mit Donna Leons Commissario Brunetti, und Leons Romandebüt „Venezianisches Finale“ sei in der Tat der erste Musik-Krimi gewesen, den sie je gelesen habe, sagt Korsakova. Dadurch habe sie das Genre Musik-Krimi für sich entdeckt.

Der Commissario mag keine Klassik

Jedoch habe ihr Commissario, der 300 Krawatten im Schrank habe und gern gut speise, eher Züge ihres süditalienischen Adoptivvaters (400 Krawatten). Di Bernardo, auch mit norditalienischer Nachdenklichkeit ausgestattet, ermittelt mit einem extravaganten, klugen Assistenten. Es wird rasch spannend, denn ein Drama um Rache und Eifersucht nimmt seinen Lauf, und die gruselige Perspektive des anonym bleibenden Täters offenbart sich dem Leser.

Beide Ermittler haben bis zuletzt mehrere Verdächtige im Visier, darunter einen Geigenbauer. Klassische Musik mag der Commissario übrigens nicht, bis er im Gedenkkonzert an die Ermordete das Solostück „L’Aurore“ von Eugène Ysaÿe hört und danach eine der Lieblingskompositionen Korsakovas, die romantischen Variationen über das irische Volkslied „Die letzte Rose“ von Heinrich Wilhelm Ernst. Auch diese Werke spielte die Geigerin für ihre Fans in der Musikschule mit meisterlichem Können und hinreißendem Charme, eine bestrickende Ergänzung der kurzweilig rezitierten Textauszüge aus ihrem unterhaltsamen Krimi.

Von Antje Amoneit

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