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Wir sind die Neuen
Da geht doch was zwischen Alten und Jungen: Szene mit Matthias Herrmann, Hanna Stange, Kerstin Hilbig, Yves Dudziak und Christoph Finger. (Foto: Theater/Tamme)

Klischee und Wahrheit

Lüneburg. Wie man lebt, ist es richtig und falsch. Anne, Eddi und Johannes haben das Leben in vollen Zügen genossen, Karriere war kein Thema. Nun sind sie alt, das Geld ist knapp, also ziehen sie wie anno dunnemals wieder als Wohngemeinschaft zusammen. Soviel Spaß muss sein! Über ihnen wohnen Katharina, Barbara und Thorsten, auch eine WG. Sie sind jung und büffeln und büffeln. Die neuen Alten nerven da nur, sie sind krass zu laut. Das ist der Plot für „Wir sind die Neuen“. Wie im Kino so auf der Bühne bietet der Clash der Generationen einen charmanten Spaß zwischen Klischee und Wahrheit – und wird rhythmisch gefeiert.

Der Film von Ralf Westhoff war vor vier Jahren ein Hit. Hilke Bultmann hat eine neue Bühnenfassung geschrieben, und Harald Weiler setzt sie um. Weiler, der zuletzt den „zerbrochnen Krug“ in Lüneburg inszenierte, bewegt die Sechs in einem zweistöckigen Bau, den Petra Winterer auf die Bühne setzte. Sie ist auch für die Kostüme zuständig: Streber Thorsten bekommt einen Pullunder übers zugeknöpfte Hemd, die Alten krempeln die Jeans hoch, dann passen sie.

Fassaden sind zum Bröckeln da

Das Bühnenbild lädt zu Parallel-Handlungen ein, der Blick wandert laufend von Raum zu Raum. Vor der Pause wird recht ausführlich die Konstellation ausgebreitet. Die Alten raufen sich zusammen, trinken, drehen Steppenwolfs „Magic Carpet Ride“ auf, grölen „Angie“, überspielen ihre innere Einsamkeit und das Scheitern von Beziehungen. Die Jungen leben leise und beziehungslos nebeneinander her und haben Fotos ihrer Schuhe auf Kartons geklebt – so viel Ordnung muss sein! Die Alten gebärden sich aufdringlich als pseudojunge Kumpel, die jungen Nerds zicken die alten „Tattergreise“ an.

Nach der Pause gewinnt die Komödie kräftig an Fahrt, das tut ihr gut. Fassaden sind zum Bröckeln da: Plötzlich gebrauchen und brauchen die gerade noch so knallhart abgegrenzten Jungen die ewiggestrigen Alten.

Erst sollen die Alten gefälligst für die gestressten Studis einkaufen gehen, sie haben schließlich keine Zeit dafür. Büffeln geht vor. Aber dann bricht Katharina über ihren Jura-Aufgaben zusammen. Stefanie Schwab spielt sie als krampfhaft selbstdiziplinierte, lustfreie junge Frau am Rand des Nervenzusammenbruchs und jenseits dessen. Pullunder-Thorsten, den Yves Dudziak schön schräg gestaltet, klappt äußerlich und innerlich komplett zusammen, er braucht für Körper und Seele einen Therapeuten. Und die von Hanna Stange zickig charakterisierte Barbara heulkrampft sich durch Liebeskummer. Die Alten wachsen auf einmal zu Helfern in der seelischen Not heran.

Es gibt keinen Weg „zurück ins Paradies“

Die Sympathie von Stück und Inszenierung liegt schon ein wenig mehr bei Anne, Eddi und Johannes, der Rentner-WG, die „zurück ins Paradies“ will, aber aus ihm längst vertrieben ist. Anne wird von Kerstin Hilbig emotional, etwas überdreht bis an den Rand des Hysterischen gezeichnet. Christoph Finger zeigt Johannes als esoterikgeschulten Typ, der seine pragmatische Seite deckelt. Matthias Herrmanns Eddi lebt seine inneren Widersprüche dagegen lauter aus. Herrmann setzt dazu knochentrockene Pointen. Dazu dürfen aber alle ihren Teil beitragen.

Harald Weiler zeigt, wie Lebensentwürfe scheitern, aber er lässt immer der Komödie und ihren gut dosierten Überspitzungen den Vorrang. So viele Klischees dürfen sein! Weilers Konzept macht Sinn, das Stück wäre mit Tiefenschürferei schnell überfrachtet. Es ist am Ende schon klar, dass bei den Sechsen wenig bleibt, wie es ist. Und dass es Sinn macht, weder im diffusen Morgen noch im vernebelten Damals zu leben.

Von Hans-Martin Koch

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