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Martin Skoda zeigt die Facetten eines Menschen, dem der Alltag entgleitet. (Foto: Theater/Tamme)

Opa Dieter verliert die Welt

Lüneburg. Der Gasherd fehlt, Opa Dieter rätselt, warum. Er will doch Tee kochen. Der Küchentisch, das Regal, die Sessel, die Kommode – alles steht an seinem Platz, nur auf den Kopf gestellt, auf die Seite gedreht, und der alte Perser hängt wie ein Segel im Raum. Das ist ein starkes Bild für eine Welt, die noch vertraut und doch schon fremd ist. Azizah Hocke hat im T.3 des Theaters die Bühne für ein Stück über den alzheimernden Weg in die Demenz eingerichtet – für Sabine Bahnsens Inszenierung von „Geheim“, geschrieben von Theo Fransz.

Opa Dieter hat es erwischt. Die klaren Momente wechseln mit verwirrten, die Gegenwart mit Erinnerung. Der Weg ins Verdämmern ist nicht zu bremsen. Manchmal spürt Opa Dieter diesen brutalen Bruch in seinem Leben, und dann ist das Stück an seinen empfindsamen, tief anrührenden Punkten angekommen. Es tickt an, weil Martin Skoda den Dieter so nuanciert und lebensecht spielt. Skoda ist der Dreh- und Angelpunkt in diesen 70 Minuten.

Gerade noch boshaft, schon wieder charmant

Gerade ranzt Opa Dieter boshaft seine erschrockene Tochter an, manchmal erkennt er sie nicht. Doch schon ist er wieder ganz der Charmeur, glaubt mit seiner vor zwei Jahren gestorbenen Frau Lilli Twist zu tanzen. Kommt sein Enkel Jonathan mit seiner Freundin Meike vorbei, spielt sich Opa durch seine Vergangenheit. Dabei treten Dinge zutage, die Opa lebenslang verfolgt haben. Doch schwupp, ist es nicht die Brille von Sophie, die er als Junge vorsätzlich zertrat, sondern die von Meike im Hier und Heute.

Sabine Bahnsen lässt die zeitlichen Ebenen ineinandergleiten, Musik, Licht und Kostüme markieren Wechsel. Bahnsen gibt dem traurigen, absurden Witz Raum, der aus der Kommunikation mit dementen Menschen entstehen kann. Die Hilflosigkeit des Betroffenen und der Außenstehenden geben der einfühlsamen Produktion emotionale Tiefe. Rührselig wird es zum Glück nie.

Britta Focht spielt Dieters Tochter Lotte und seine Frau Lilli, Christoph Vetter ist als Enkel Jonathan und Jugendfreund Fritz dabei, und Tülin Pektas kommt als Jonathan-Freundin Meike und als geschmähte Jugendfreundin Sophie auf die Bühne. Das Trio wechselt schnell die Rolle, passt sich bis ins Sprechen gut in die Figuren ein.

Das Publikum reagiert sehr, sehr zustimmend. Es sind eine Menge Schulvorstellungen angesetzt, jedoch nur noch eine am Abend, am 26. Januar. Das Thema aber bewegt die Älteren und Alten mindestens so wie die Jüngeren und Jungen.

Von Hans-Martin Koch

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