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Jan Böttcher stammt aus Lüneburg, lebt in Berlin und hat „Das Kaff“ mit ins Heine-Haus gebracht. Foto: t&w

Innenansichten aus der Provinz

Lüneburg. Also: Ist Lüneburg etwa ein Kaff? Alle, die sich an diesem Abend im Heinrich-Heine-Haus auf Einladung des Literaturbüros versammelt haben, möchten es nun aber wirklich wissen. Autor Jan Böttcher ist Lüneburger, hier aufgewachsen und zur Schule gegangen. Vieles, was in seinem Buch „Das Kaff“ beschrieben wird, meint der aufmerksame Leser doch zu kennen, oder? Da geht es gleich zu Beginn um ein charmantes Flüsschen, Badewasserqualität und im Grünen, beschaulich, aber trotzdem mit Strömung: Das ist die Ilmenau, oder?

„Alles relativ“, sagt der Autor selbst, um seine Heimatstadt sei es ihm in seinem Werk wirklich nicht gegangen, mehr um die Provinz als solches. „Ist Berlin nicht auch von London aus betrachtet ein Kaff?“ Böttcher geht es um den allgemeinen Rückzug in die vermeintliche Idylle. In seinem Roman wird sie von Typen bevölkert, die man in diesem Fall vor allem auf Baustellen antrifft. Baustelle deshalb, weil die Hauptrolle in Böttchers Buch der Architekt Michael Schürtz spielt – nach seiner Ausbildung in Berlin hat er in der alten Heimat einen Auftrag übernommen und begegnet hier genau den Menschen, die man hier auch vermutet hätte. Halbstarke jugendliche Angeber, gierige Investoren, immer alles besserwissenden Rentner – und natürlich ist da auch eine Schönheit, die zur Frau seines Lebens werden könnte.

Es geht um kulturelle Brüche

Mit dem Titel „Das Kaff“ hatte Böttcher im Verlag und auch auf Lesereisen keine Schwierigkeiten. Im Gegenteil, der Vertrieb fand‘s gut und er auch, denn auf diese Art und Weise wurde er häufig in die Provinz zum Lesen eingeladen – in Orte, die um einiges ländlicher sein dürften als Lüneburg. Und noch mal, darum ging es auch gar nicht, um Lüneburg, um seine Heimat: „Es geht um kulturelle Brüche, um die Arroganz der Großstadt, um Überzeugungen in der Provinz“, so der Autor.

Eine Kindheit in der Provinz hat auch der zweite Autor im Heine-Haus, Jan Brandt, hinter sich. Mit seinem Erstling „Gegen die Welt“ brachte er es bis auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis: 900 Seiten, die tief im Ostfriesischen spielen und trotzdem, wenn man der Kritik glauben darf, weit weg sind von den üblichen Klischees. Schade, dass Brandt an diesem Abend nicht aus seinem Erstling liest.

Zerstörung einer alten Bausubstanz

In seinem ausgewählten Text schildert er stattdessen den Versuch, den Abriss eines Hauses zu verhindern, in dem sein Großvater einen Kolonialwarenladen betrieb. „Ein Haus auf dem Land und eine Wohnung in der Stadt“ gibt es als Leseprobe – ein Roman ist das gewiss nicht, schwer zu sagen, was sonst.

Als literarischen Essay bezeichnet Brandt den Text selbst, nicht eben einfach für den Leser, damit auf Anhieb zurechtzukommen. Identifikationsfiguren jedenfalls gibt es kaum, dafür noch einmal Ostfriesland, die Zersiedlung der Landschaft, die Zerstörung einer alten Bausubstanz, die zumindest für viele sehenswerter ist als die „Schuhkartons“ die derzeit in unserem Land in Rekordzeit entstehen. Kein Roman also, und ein bisschen schade: Auf einen Auszug aus „Gegen die Welt“ hatten sich die meisten Gäste des Abends vermutlich gefreut.

Von Elke Schneefuß

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