Donnerstag , 13. Dezember 2018
Aktuell
Home | Kultur Lokal | Er konnte nicht entkommen
Die Dämonen rücken näher: Ein Gemälde (undatiert) von Rüdiger Breitbart. Foto: ff

Er konnte nicht entkommen

Lüneburg. Wenn Rüdiger Breitbart spürte, dass ihm die Wirklichkeit entglitt, wenn ihm die eigene Identität fremd wurde, dann schloss er sich ein und malte. Hunderte Bilder sind auf diese Weise in wenigen Jahren entstanden. Der junge Mann litt an Schizophrenie, suchte Halt, den ihm seine Mitmenschen nicht geben konnten, und wurde auf diese Weise zum Künstler. Jetzt zeigt die Psychiatrische Klinik Lüneburg (PKL) bis Ende November eine Auswahl seiner Arbeiten. Dass sie überhaupt zu sehen sind, ist das Werk seiner Familie. Die Ausstellung stellt auch die Frage nach dem Zweck von Kunst in der Therapie.

Fratzen und friedliche Porträts

Aquarell und Ölfarbe, Bleistift, Kohle, Farbstift und Rötel – Rüdiger Breitbart nahm, was gerade greifbar war, um seine Dämonen zu vertreiben. Er malte Fratzen und Monster, gequälte, deformierte Kreaturen, aber auch melancholische Landschaften und friedliche Porträts. Sie sind nicht datiert, es ist also schwer, die Arbeiten einzuordnen, sie womöglich in Bezug zu setzen zum Verlauf seiner Krankheit. Fest steht: Die ersten Bilder entstanden 1957, da war Breitbart ein Teenager, die letzten schuf er Ende der Sechziger Jahre. Danach ging nichts mehr, die Krankheit war übermächtig geworden, der Patient nicht mehr zu erreichen.

Das Tragische: Rüdiger Breitbart (1941-2002) wuchs in einer Ärztefamilie auf. Er sollte – als Ältester von sechs Kindern – unbedingt Medizin studieren und die Praxis des Vaters übernehmen. Der junge Mann geriet von verschiedenen Seiten unter Druck: Sein an preußischen Idealen orientierter Vater ließ es nicht zu, dass der Sohn aus dieser Rolle ausstieg, zugleich musste aber das Leiden geheimgehalten werden, gewissermaßen als düsteres Geheimnis der Familie. „Er hatte keine Chance“, so schilderte es sein Bruder Dr. Eckhard Breitbart, selbst Professor für Dermatologie, auf der Vernissage in der Psychiatrischen Klinik.

„Wir wenden Kunst-Therapien an“

An der Diagnose Schizophrenie gab es keinen Zweifel, seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gehört die Krankheit zur Chronologie der Familie, Rüdigers Schwester war ebenfalls betroffen. „Er bekam alle gängigen Therapien, von der Insulin-Behandlung bis zu Elektroschocks“, so Dr. Eckhard Breitbart, „und er saß mehrfach in den Landeskrankenhäusern, nichts hat geholfen.“ Geholfen hat – zeitweise – die Malerei, „wenn er mit dem Bild fertig war, ging es ihm besser. Wir haben die Gemälde aber nie zu sehen bekommen.“

Der Einsatz von Kunst im Umgang mit psychiatrisch Erkrankten und geistig Behinderten – das ist ein weites, teilweise noch unbeackertes Feld. Darauf verwies PKL-Direktorin Dr. Angela Schürmann. Als ein Pionier gelte der Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn (1886-1933) mit seinem Buch „Bildnerei der Geisteskranken“, es erschien 1922. „Wir wenden Kunst-Therapien an, wenn Sprache nicht mehr geht“, so Dr. Schürmann, und manchmal sei, wenn der Patient etwas zu Papier gebracht hat, dann eben doch ein Gespräch möglich.

Belastung für die Geschwister

Die traurige Geschichte des Bruders aufzuarbeiten, das war auch für die verbliebenen vier Geschwister nicht einfach, den Anstoß gab im vergangenen Jahr bezeichnenderweise eines ihrer Kinder: Die Bilder lagen, eher schlampig aufbewahrt, seit Jahrzehnten auf einem Dachboden, ein Teil war nicht mehr zu retten, von dem anderen Teil wurden nun Faksimiles hergestellt. Eine erste Ausstellung in der Fabrik der Künste Hamburg stieß auf überraschend großes Interesse, im nächsten Jahr sollen die Bilder im Schloss Husum gezeigt werden.

Nun also die Psychiatrische Klink Lüneburg. Die Ausstellung „Schizophrenie und Kunst“ in Haus 48, gleich vorn im Empfangsgebäude, erstreckt sich über mehrere Ebenen, und ist täglich von 10 bis 18 Uhr zu besichtigen. Für den Albert-Ransohoff-Saal, der den Mittelpunkt bildet, gibt es allerdings für einige Tage Einschränkungen, nähere Infos unter 04131-600 und natürlich vor Ort. Dazu ist ein Katalog erschienen.

Von Frank Füllgrabe

One comment

  1. Walter Neuschitzer

    Das, was im Artikel verschämt Insulin-Therapie genannt wird, sollte keinesfalls mit der Heilbehandlung für Diabetiker verwechselt werden. Es handelt sich hierbei wie beim Elektroschock um eine der Foltermethoden der Psychiatrie. Dass so etwas nicht hilft, ist selbstverständlich. Geholfen hat laut dem Artikel aber die Kunst. Es ist erfreulich, dass heutzutage manche Psychiater solchen Ansätzen den Vorrang einräumen, aber die gängige Lehrmeinung ist das bei weitem noch nicht.