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Jan-Philip Walter Heinzel redet sich im Kopf und Kragen im Hintergrund Gregor Müller. Foto: Theater/Tamme

Ein glücklicher Mann – eigentlich

Lüneburg. Der Abend beginnt um 20 Uhr, aber eigentlich schon um 19.30 Uhr. Das ist schon sehr clever, was da vorab passiert, aber kann beim besten Willen nicht verraten werden. Auf der T.NT-Bühne tänzelt derweil ein Mann in Feinripp auf der Stelle. Ist er nervös? Bringt er sich in Form? Er trägt keinen Namen, er ist eine Art Allerweltsmann und das ist erschreckend, wie Sibylle Bergs Stück „Viel gut essen“ zeigen wird. Jan-Philip Walter Heinzel spielt den Mann im T.NT des Theaters. Es wird ein doppel- bis dreifachbödiger Abend.

Der Mann ist IT-Mitarbeiter, irgendwo unten in der Kette, zählt aber zum Mittelstand. Er hat eine Frau, einen Sohn, eine große Wohnung, wie es mittelständisch so Standard ist. Aber nun! Frau und Sohn weg, Arbeit geht flöten, Wohnung wird drastisch mietverteuernd renoviert. Viel Grund zu Wut und Verzweiflung platzt in den kommenden 90 Minuten aus dem Mann.

Das Lied zum Stück: „The Final Countdown“

Man kann ihn ja anfangs noch verstehen und wird vom Stück, durch die Inszenierung von Kathrin Mayr und durch den großartigen Heinzel schön in den Abend hineingesogen. Das geht hin bis zum gemeinsamen „It‘s the final countdown“-Singen. Wie treffend! Was für eine gute Idee! Und wie fies eigentlich?!

Der Mann will seine Familie retten und kocht ein Menü. Küchenwecker werden postiert, alle Zutaten sind sortiert – farblich, sagt er. Aber selbst beim Kochen wird er scheitern. Das Kochen ist so eine Art roter Faden in der Tirade, mit der Jan-Philip Walter Heinzel eine Art verbalen Amoklauf startet, erst nur mit einem Zucken in den Mundwinkeln, mit einer fahrigen Geste.

„Ich bin ein glücklicher Mann – eigentlich“, sagt der Mann. Er spürt aber, dass selbst der Versuch, sich positiv zu konditionieren, vergeblich ist. Heinzel zeigt alle Facetten von angeschwitzter Selbstkontrolle bis zum entflammten Rundumschlagen.

Bald rutscht dem Mann Gehässiges über seine Frau raus, bald sind es miese Witze, und natürlich nerven ihn die Ausländer und überhaupt alles, was nicht in der vertrauten Bahn läuft. Es ist eine diffuse Angst, die ihn zum Hass verleitet.

Das Publikum spielt mit, ob es will oder nicht

Kathrin Mayr hat einen sehr klugen Zugriff auf den Text gefunden. Sie zeigt die Verführbarkeit des Menschen durch das Gefühl, bis hin zum Zerstörerischen. Das Publikum spielt mit – und merkt es zunächst möglicherweise lange nicht. Parallel zu dem Heinzel-Solo baut Gregor Müller die – von Hannah Petersen eingerichtete – Bühne mit Boxen und Mikrofonen zu. Zeitweise dröhnt es aus den Lautsprechern (Sound: Clemens Mädge), dann wird der Mann-Heinzel wütend.

Box um Box wird sein Spielraum enger, Müllers Bauerei treibt ihn in die Ecke. Zugleich ergreift Müller immer wieder mal das Wort, charmt scheinbar verlegen das Publikum an, menschenfreundelt und hat die Besucher im Wortumdrehen locker gewonnen. Dann aber schlägt sein Reden um, der Abend eskaliert. Und wir sitzen mittendrin.

Müller hat sicher spielerisch den leichteren, den Demagogen-Part auf der Bühne, Heinzel bändigt als zerfurchte Seele Massen an Text zu einem furiosen Abend. Sicher, er könnte zehn Minuten kürzer sein. Aber packend ist es jederzeit, und gut ist es, dass Dramaturgin Hilke Bultmann und Mitwirkende nach jeder Aufführung ein „Get together“ anbieten. Den Button, der vielleicht noch vom Beginn vor dem Beginn an der Jacke baumelt, darf anbehalten werden.

Von Hans-Martin Koch

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