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Joachim Vogelsänger dirigiert, hier sind Julia Henning und Andreas Post im Einsatz. Foto: t&w

Mit Gott auf Augenhöhe

Lüneburg. Ein musikalisch überwältigendes, in seinem faszinierenden emotionalen und moralischen Appell für ein friedfertiges Miteinander der Menschen eintretendes Konzert ging in St. Johannis mit minutenlangem Beifall, Fußgetrappel und Bravos zu Ende. Anlässlich des historischen Termins, 100 Jahre nach Ende des 1. Weltkriegs, hatte Joachim Vogelsänger ein glänzend disponiertes Ensemble aufeinander abgestimmt und einfühlsam dirigiert, um Frank Martins 1944 zum erwarteten Kriegsende komponiertes Oratorium „In terra pax“ und Leoš Janáceks 1926 entstandene „Missa glagolitica“ aufzuführen.

Zwischen Freude und tief sitzender Angst

Wie im informativen Programmheft des Abends von Verena Großkreuz zusammengefasst, entnahm Frank Martin seinen französischen Oratorientext der Bibel bzw. dem Buch Jesajas, den Psalmen, Jesusworten und der Offenbarung. Der Leitfaden ist nicht eine Handlung, sondern allgemein der Kriegsschrecken im Zusammenhang mit widerstreitenden Gefühlen von tiefsitzender Angst bis hin zu überschwänglicher Freude sowie mit dem Glauben an Gott und den Frieden. Eine spannungsreiche Palette der Emotionen spiegelt sich in enorm expressiven Klangkontrasten, deklamatorischer Transparenz, vibrierender und hämmernder Rhythmik, oft modal vereinfachter Melodik und vielschichtig changierender, auch zwölftöniger Harmonik.

Dagegen hat der 74jährige Leoš Janáček zwei Jahre vor seinem Tod für seine Messe spätromantisch schillernde, teils archaische, teils phantastisch euphorische Orchestermusik komponiert, die raffiniert durch Chor­gesang und Solisten ergänzt wird. In ostkirchlichem Altslawisch werden Schriften der Missionare Kyrill und Method aus dem 9. Jahrhundert zitiert – ein Werk, das leise bis lautstark für „diesseitigen“ Optimismus und die Zwiesprache mit Gott „in Augenhöhe“ wirbt.

Souverän und sehr einfühlsam dirigierte Joachim Vogelsänger die stilistisch unterschiedlichen Werke, die beide mit eindringlichen Rhythmen und raumfüllender Dramatik auf imposante Weise ein wesentliches Stück kirchliche Chorsymphonik des 20. Jahrhunderts repräsentieren. Die Chorsätze und Chor-Einwürfe hatte Vogelsänger mit der großen Kantorei perfekt einstudiert.

Gesang auf Französisch und Altslawisch

Rund hundert Stimmen bewältigten die äußerst schwierigen Choraufgaben auf Französisch und Altslawisch hellwach, intonationssicher, mit klarer Textdeklamation und berührender Ausdruckskraft. Den umfangreichen Apparat der Ausführenden ergänzten die von Frauke Heinze fein einstudierte, die vom Junkernlektor aus mit schöner Schlichtheit singende St. Johannis Mädchenkantorei und der Organist Reinhard Gräler mit aufrüttelnden Soloeinlagen an der französisch-symphonisch disponierten Chororgel. Die umfangreich besetzten Hamburger Symphoniker (mit Mira Teofilova am Klavier) musizierten mit sehr weit gespannter Dynamik und viel Gefühl für den Stil und den entsprechend aufwühlenden Klang im fünfschiffigen gotischen Hallenkirchenraum.

Bassist Hinrich Horn übernahm souverän zwei der hochkomplexen Solopartien: Neben seinem eigenen hatte er noch am Sonnabend den Part des kurzfristig erkrankten Baritons Kay Stiefermann einstudiert und absolut grandios gestaltet. Der mehrfach preisgekrönte Konzert- und Opernsänger fügte beide Parts nahtlos ein in das stimmlich perfekt disponierte, sehr ausdrucksstarke Gesangssolistenquartett. Es wurde ergänzt durch den hellen, bezwingenden Tenor von Andreas Post, den warm timbrierten, voluminösen Alt von Britta Schwarz und nicht zuletzt Julia Hennings glockenhellen, alles überstrahlenden Sopran.

Nicht zuletzt trugen die hervorragenden Gesangssolisten in der nahezu voll besetzten Johanniskirche zu der erschütternden Atmosphäre der Aufführung bei, zur eindringlichen Botschaft und Mahnung dieser Musik, Angst zu überwinden und stets die Hoffnung auf Frieden zu nähren, dafür zu kämpfen, dass Einsicht, Verständigungs- und Kommunikationsbereitschaft jede Art von unmenschlichem Krieg vermeidbar machen.

Von Antje Amoneit