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Ausstattungsleiterin Barbara Bloch sitzt am Steuer, Egon Buttschaft ist Beifahrer, Thomas Slomkowski lehnt in der Tür. Sie haben den Ford-Sedan-Nachbau mithilfe von Kollegen einsatzbereit gemacht. Foto: t&w

Der Ford Tomeg steht bereit

Lüneburg. Sie haben für „Faust“ einen begehbaren Totenkopf gebaut, für „Was ihr wollt“ eine riesige Tulpe, für „Black Rider“ einen Baum auf die Bretter gelegt. Keiner durfte vor der Premiere sehen, was da auf die Bühne kam, es wird gern ein Geheimnis aus Bühnenbildern gemacht. Das müsste jetzt auch so sein. Denn das Musical „Bonnie & Clyde“, das Sonnabend Premiere feiert, bekommt einen Hingucker, einen echten Klassiker, einen Ford Sedan V8 Deluxe Fordor. Eigentlich steht da aber ein Ford Tomeg, ein Unikat.

Die bekanntesten Fahrer eines – geklauten – Ford V8 waren Bonnie Parker und Clyde Barrow. Am 23. Mai 1934 starben sie, „wie sie gelebt haben, in einem Kugelhagel“, hielt ein FBI-Bericht über das wohl berühmteste Gangsterpärchen fest. Bonnie war 23, Clyde 25. Sie hatten 14 Menschen erschossen, Banken und Geschäft überfallen und lebten auf der Flucht. Sie entkamen immer wieder, denn mit dem Ford V8 waren sie schneller als die Polizei.

Die Geschichte von Bonnie und Clyde fesselte schon zu Lebzeiten die Menschen, denn neben aller Brutalität ließ sich eine romantisierende Geschichte des Gangsterpärchens erzählen. Filme und TV-Serien griffen die Story auf, 1969 sang Georgie Fame eine Ballade über die beiden, eine Fülle von Songs zum Thema folgte. Das Theater schlug in jüngerer Zeit zu. In Bleckede läuft zurzeit „Zwei wie Bonnie und Clyde“, eine Komödie über ein deppertes Gangsterpaar. Das Musical „Bonnie & Clyde“ startete 2009, Musik: Frank Wildhorn („Jekyll & Hyde“, „Dracula“). Nun rollt das Stück nach Lüneburg, der Ford Tomeg steht bereit – zu 99 Prozent aus Holz, rund 300 Kilo schwer.

Das Auto wird zum Bühnenbild

Tomeg steht für Thomas Slomkowski und Egon Buttschaft. Slomkowski, 58 Jahre alt, ist Bühnentischler, seit 1987 am Theater. Buttschaft ist 83 Jahre alt, kam 1955 ans Thalia Theater, wurde dort Chef des Malersaals und der Bildhauerei. Das Theater Lüneburg kennt er seit 1960, damals brachte er vom Thalia ausrangierte Scheinwerfer mit ins britische Truppenkino, das gerade zum Theater umgebaut wurde. Seit er in Rente ist, tüftelt Buttschaft fürs Lüneburger Theater daran, wie sich ungewöhnliche Ideen umsetzen lassen. „Wir sind oft auf ihn angewiesen“, sagt Barbara Bloch.

Die Idee zum Gangsterwagen kam beim „Brainstormen“ mit Regisseur Frank-Lorenz Engel, sagt Barbara Bloch. Sie waren sich schnell einig: „Das Auto ist die Bühne, das Stück hat ein fast filmschnittiges Tempo, es geht um Träume von Freiheit.“ Was für ein Auto? Natürlich eines, wie es Bonnie und Clyde nutzten, ein alter Ford. „Dann packte uns der Ehrgeiz“, sagt Thomas Slomkowski.

Zwei echte Reifen und zwei aus Styrodur

Sie besaßen die äußeren Maße des Originals, Fotos aus allen Perspektiven, sonst nichts. Bei ebay entdeckten sie zwei 17-Zoll-Speichenräder des Ford-Typs, „dannn wussten wir, wie wir die Kotflügel bauen“, sagt Buttschaft. Die zwei fehlenden Reifen schnitzte er aus Styrodur.

„Ich habe mich Tag und Nacht damit beschäftigt, mir fuhr das Auto durch den Kopf“, sagt Slomkowski. „Wir mussten uns bremsen, wir hätten das immer weiterspinnen können.“ Zum Beispiel gab es die Idee mit den Einschusslöchern, die auf einem Foto von 1934 zu sehen sind. Man hätte die Löcher bis zum Stückfinale mit Korken stopfen müssen – so weit ging es denn aber doch nicht.

Was passiert mit dem Wagen, wenn beim Musical „Bonnie & Clyde“ der Tank leer ist? „Danach haben uns schon viele gefragt“, sagt Barbara Bloch. Die letzte Vorstellung ist für den 5. Mai angesetzt. Das Auto gehört der Theater GmbH – mitnehmen ist nicht. Das Original übrigens kaufte ein Casino in Las Vegas, für 250.000 Dollar.

Von Hans-Martin Koch

Das „Bonnie & Clyde“-Team

Die Premiere ist ausverkauft

Regie führt Frank-Lorenz Engel, der unter anderem „Sunset Boulevard“ in Lüneburg inszenierte. Die musikalische Leitung liegt bei Ulrich Stöcker, dem Ersten Kapellmeister. Für die Titelrollen hat das Theater zwei Gäste gebucht. Zum ersten Mal tritt Kurosch Abbasi in Lüneburg auf. Er hat viele große Rollen in Musicals gesungen und gespielt, 950-mal etwa den Attentäter Luigi Lucheni im Musical „Elisabeth“, auch den Udo im Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“. Als Bonnie ist Dorothea Maria Müller wieder zu erleben, sie begeisterte in Lüneburg bereits als Evita. Choreographien kommen von Olaf Schmidt, Opern- und Ex­trachor sind auch dabei. Die Premiere am Sonnabend ist ausverkauft.