Aktuell
Home | Kultur Lokal | Sie reißen die Hölle auf
Clyde (Kurosch Abbasi), frisch aus dem Knast ausgebrochen, glaubt, seine Träume von Freiheit und Reichtum locker verwirklichen zu können. (Foto: Theater/t&w)

Sie reißen die Hölle auf

Lüneburg. Man muss sie verabscheuen, Clyde Barrow und Bonnie Parker. Sie morden, sie rauben. Sie sind zugleich ein Paar, das sich leidenschaftlich liebt, atemlos durch ein kurzes Leben rauscht. Bonnie und Clyde, 1934 im Kugelhagel zersiebt, sind ein Mythos geworden. Er hält bis heute, als Beispiel läuft Frank Wildhorns Musical „Bonnie & Clyde“ nun im Theater Lüneburg. Der Abend garantiert filmschnittige Kurzweil und bietet nebenbei allerlei Erklärungen für den doppelbödigen Ruhm, der verwegenen und skrupellosen Gangstern anhaftet.

Es hat wohl zu tun mit dem Mut zum Grenzüberschreiten, den wir uns verbieten, und mit den dunklen Seiten, die in jedem lauern und die gedeckelt bleiben müssen. Hinzu kommt eine voyeuristische Lust an der Sensation, die sich ehrlicherweise nicht zu hundert Prozent wegrationalisieren lässt. Das gute Gefühl, besser zu sein, mag ebenfalls mitspielen; und ein wenig mag es das Herz für Underdogs sein, dass hier ein Schicksal von Menschen zu spüren ist, die aus dem „Hinterhof des Teufels“ stammen. Das rechtfertigt aber Mord nicht und nicht Raub.

Alles dreht sich um ein luxuriöses schnelles Auto

Bonnie und Clyde bekommen auch auf Grund ihrer Herkunft kaum eine Chance, wenigstens einen Hauch von ihren naiven Wünschen nach Reichtum, Ruhm und Freiheit auf legale Weise zu erhaschen. Sie waten immer tiefer in den Sumpf des Verbrechens, folgen der Formel: „Keine Chance auf Himmel! Also reiß die Hölle auf!“

Es steht ein prächtiger Ford, aus Holz gebaut, auf der Bühne. Der Abend dreht sich um das Nobel-Auto, das im Zentrum als Statussymbol für eine zweifelhafte Freiheit prangt und mit dem Bonnie und Clyde schneller sind als die Polizei. Oben drüber hat Barbara Bloch fürs Bühnenbild eine zweite Ebene geschaffen. Da Szene um Szene ohne Pausen ineinanderlaufen, bleibt die Bühne meistens offen, markiert Licht Spielräume.

Frank Wildhorns Musik schöpft aus der Zeit des Stücks, mit Swing, Country, Blues und kurzen Zitaten wie „It Don‘t Mean A Thing“. Die von Musikern der Lüneburger Symphoniker verstärkte Band zeigt in Ulrich Stöckers Zugriff Biss und Drive. Die Musik illustriert die Story gut, als zweite emotionale Spur ist sie nur ansatzweise zu lesen.

Regisseur Frank-Lorenz Engel hat mit „Sunset Boulevard“ eine der stärksten Lüneburger Musical-Produktionen jüngerer Zeit inszeniert. Ganz kann er daran nicht anknüpfen, was vor allem an der totalen Vorhersehbarkeit des Stoffes liegt. Tempo und Typen aber stimmen, und ein großes Plus sind mit Witz zugespitzte Dialoge und Kracher wie der Gospel, mit dem „Priester“ Ulrich Kratz das Publikum fast aus den Sitzen holt.

Engel zeigt die zwei Seiten der Hauptfiguren. Hier das kalte Handeln Clydes und das Mitziehen Bonnies, dort der charmante Auftritt und die Anhänglichkeit zur Familie. Dorothea Maria Müller singt und spielt die Bonnie mit großer Intensität, die inneren Brüche und einen starken Charakter macht sie glaubhaft. Kurosch Abbasi ist als Clyde ein ebenso kraftvoll ausformulierter Charakter, spürbar ist bis in den Gesang ein Musical-Profi mit großer Erfahrung am Werke.

Die Geschichte von Blanche und Buck

Das zweite wichtige Paar sind Clydes Bruder Buck und seine Frau Blanche, um sie rankt sich die fast spannendere Geschichte. Auch sie sind historisch verbürgt, fürs Stück deutlich konträr angelegt. Carolina Walker zeigt mit großem Gefühl eine kämpferische Frau, die ums kleine Glück im Stillen kämpft. Aber wie Bonnie kommt sie nicht los von dem Kerl mit seiner kriminellen Energie. Sie bricht bei Buck immer wieder durch. Steffen Neutze bringt die inneren Gut/Böse- oder Biedermann/Abenteurer-Widersprüche auf den Punkt.

Den ersten Auftritt des Abends – nach einer kurzen vorgezogenen Finalszene – aber haben Liske Ritter als Mädchen Bonnie und Laurenz Voss als Knabe Clyde. Sie spielen und singen Kinderträume und machen das so gut, wie es sicher alternierend auch Edith Claußen und Janosh Kratz machen werden.

Randgeschichten ziehen vorbei wie die schräge Nummer mit Sarah Hanikel, Elke Tauber und Astrid Gerken im Friseursalon, in dem sich Buck vor der Polizei versteckt.

In kleinen Szenen wird deutlich, dass auch Unbescholtene wie die Gangster-Eltern (Dobrinka Kojnova-Biermann, Wlodzimierz Wrobel, Kirsten Patt) wohl aus Not nicht Nein zu geraubtem Geld sagen. Alexander Tremmels Polizist Ted Hunter steckt auch in Nöten, kommt nicht los von seiner Liebe zu Bonnie.

Seine Kollegen (Oliver Hennes, Sascha Littig, Marcus Billen) schwanken zwischen Zorn und Verzweiflung, am Ende aber siegen Recht und Ordnung. Nur mit dem Ruhm posthum läuft es eben anders.

Das Publikum stimmt anhaltend zu, am Ende mit Standing Ovations.

Von Hans-Martin Koch