Donnerstag , 21. November 2019
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Sina Schulz schlägt eine Brücke von der arbeitslosen Schauspielerin Emma zu der Legende Marlene Dietrich, als Wegbegleiter ist Arne Gloe dabei. Foto: Bert Brüggemann

Resonanz mit einer Diva

Bostelwiebeck. Wer eine Revival-Show erwartete, kam mit den falschen Vorstellungen nach Bostelwiebeck. Zwar singt Sina Schulz ein knappes Dutzend der Lieder, di e Marie Magdalene Dietrich zum Weltstar, zu „der Dietrich“ machten, präsentiert mit „von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ die Pose, mit der die Schauspielerin im „Blauen Engel“ zur Legende wurde – trotzdem bleibt Sina Schulz sie selbst. Und außerdem geht es im neuen Theaterstück von Thomas Matschoß nicht, jedenfalls nicht vordergründig, um den Lebenslauf der Diva.

Kammerspiel und Revue zugleich

Dass es ein Thomas-Matschoß-Stück ist, erkennt der Zuschauer am Text seiner Hauptdarstellerin sofort. Hier heißt es: „Ich wollte das immer: Spielen. Geschichten erzählen.“ Dieses Geschichtenerzählen ist das Credo von Matschoß, so bereitet er jede Aufführung im „Jahrmarkttheater“ auf. „Marlene und ich“ nennt er, der auch Regie führte, die 120 Minuten, die Züge von Revue und Kammerspiel gleichermaßen aufweisen: Da kommt die junge, beschäftigungslose Schauspielerin Emma nach einem frustrierenden Tag müde nach Hause und stolpert über einen Koffer vor ihrer Tür. Sie denkt glücklicherweise nicht an das Schlimmste angesichts des einsamen Gepäckstücks, nimmt es mit und packt es aus. Als das alte, zum Vorschein kommende Telefon plötzlich klingelt, bricht genauso wenig Panik aus; trotz fehlenden Festnetzanschlusses – Emma geht ran.

Was sich aus diesem und den folgenden Anrufen entwickelt, könnte man Wunder oder Berufsberatung nennen. Es ist ein Spiel. Die einen heißen es Theater, die anderen: Leben. Am Strippenende ist Marlene Dietrich, die das Gespräch damit erklärt, dass eine Kontaktaufnahme zwischen (toten und lebenden) Personen, bei denen Ähnlichkeiten bestehen und wo es demzufolge „Resonanzen“ gibt, durchaus möglich sei. Und so mischt sich Marlene munter in Emmas Leben, führt sie nebenbei in die Geheimnisse ihres Erfolges – im Beruf und bei Männern – ein.

Meisterin des Stimmungswechsels

Sina Schulz ist Emma und Marlene, sie plaudert, singt, beherrscht die Stimmungswechsel. Eigentlich widerspricht ihr Lachen der realen Lage, aber diese Emma ist stark genug, sich nicht unterkriegen zu lassen. Und Marlene am Telefon kann sie darin nur bestärken. Schulz kopiert nicht, sie setzt in den Liedern auf eigene Interpretation, schon die Stimmlage und das Timbre verböten sowieso ein pures Remake.

Überraschend intelligent löste der Autor die Sache mit dem Chanson „Sag mir, wo die Blumen sind“, diese Balance zwischen falscher Sentimentalität, Betroffenheitsrhetorik und Anklage. Schulz erzählt den Inhalt mit eigener Prosa und nennt die Vorgänge den „ewigen Kreislauf der Dummheit“ – „Marlene und ich“ spielt unterm Sternenbild des Gewesenen, das uns noch immer trifft und vielleicht für Läuterung und Erkenntnis zu erleuchten vermag.

Ein Rundgesang auf unsere Illusionen

Ein zusätzliches Loblied muss auf Sina Schulz` Partner gesungen werden: Arne Gloe. Er ist Stichwortgeber und wunderbarer Spieler auf Akkordeon und Klavier. Und dass Sina Schulz die große Robe der Diva, den weißen Frack, tragen darf, verdankt sich wie immer Anja Imig, die die Ausstattung besorgte. Es ist ein kongenialer Abend, einer für eine Erinnerung, die jedoch Gegenwart bleibt, ein Rundgesang auf unsere Illusionen, mal flapsig-frisch, mal filigran-anrührend.

Weitere Vorstellungen: 30. November sowie an den kommenden Wochenenden 7./8./9., dann 14./15./16. und 21./22. Dezember, jeweils 19.30 Uhr. Nähere Informationen und Tickets: 05807/979971.

Von Barbara Kaiser