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Malt gern auch mal große Formate: Andrej Becker präsentiert sein „Bühnenstück“. Foto (Ausschnitt): ff

Die Rückkehr der Stille

Lüneburg. Es gibt Maler, an deren Arbeiten erkennt man sofort ihre Herkunft. Andrej Becker gehört ganz sicher dazu. Diese sperrigen Gestalten, die aus der Zeit gefallen zu sein scheinen, denen ihre Kleidung nicht passt und die zwar den Schauplatz ausfüllen, aber ihn doch nicht beherrschen – das ist er. Jetzt stellt der Lüneburger im Artrium der KulturBäckerei aus, zeigt vertraute Gemälde und neue, solche in wohnzimmergerechten Formaten und solche, die hinaufragen, fast bis unter die Decke der Galerie, meistens Öl auf Leinwand, immer Becker.

Von „stiller Sensibilität“, von der „Rückkehr der Sinnlichkeit“ und von „großer Malerei, die doch eigentlich im Moment kaum angesagt ist“, sprach der Galerist Augustin M. Noffke bei der Vernissage, und er gab weitere Stichworte: das Mittelalter, die Ikonen, die russische Seele, die Messen für billige Kunst. Letztere tragen meist den Titel „ Affordable Art Fair“ und bieten, was ja keine schlechte Idee ist, bundesweit an verschiedenen Standorten Arbeiten für kleines Geld an.
Fest steht: Da passt Becker nicht hin, seine Gemälde sind, so oder so, nicht billig. Sie seien als „Schätze“ zu verstehen, so Noffke, die in einer turbulenten, lauten Zeit die Stille zurückbringen. Oft sind es Bibelgestalten, die bei aller massigen Präsenz eher zaghaft und zaudernd auftreten, Jakob, Petrus, Josef und Jesus, der auf einem mit spitzen Steinen übersäten Wüstenboden kauert, unter einem glühenden Himmel mit einer schwarzen Sonne.

Akteure sind meist in helles Licht getaucht

Der Maler platziert große Flächen – flächige, derbe Gewänder in grobem Faltenwurf, alles wirkt steif, abwartend, zugleich sind die Akteure meist in helles Licht getaucht, was seltsamerweise die matten Farben hervorhebt. Zugleich setzt Becker Glanzpunkt, die Augen Jesu beispielsweise, der zweifelnd in die Ferne blickt, oder die glühende Asche einer Zigarette – im Bild eines schrundigen Obdachlosen, der aus dem Tabak auch ein wenig Wärme zu ziehen versucht.

Andrej Becker, 1957 in der russischen Region Perm geboren, zog 1999 nach Deutschland, wenig später nach Lüneburg. Er studierte in Leningrad und Petersburg, die kulturellen Traditionen des Landes schimmern in einigen Gemälden durch, das gilt eben für das Ikonenhafte mancher Gestalten und für den plakativen Einsatz von Goldfarbe. Es gibt Stillleben und weite, wirklich Kälte suggerierende Winterlandschaften, es gibt rührende Porträts von Kindern, die in viel zu großen Schuhen dem Betrachter gegenüberstehen und eine Katze in den Armen halten. Manchmal aber scheint sich ein Hauch von Ironie auf den derben, deformierten Gesichtern abzuzeichnen, es ist ja schließlich nicht alles Leid und Elend, oder? Becker selbst kommentiert nicht, „ein gutes Gemälde spricht für sich selbst“, hat er einmal gesagt, das muss reichen.

„Splitter der Zeit“, geöffnet wochentags von 10 bis 18 Uhr, an Wochenenden von 13 bis 18 Uhr, läuft bis 13. Dezember.

Von Frank Füllgrabe