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Karen Duve im Heinrich-Heine-Haus. (Foto: t&w)

Zu klein und zu groß

Lüneburg. Sie gilt als eine der großen deutschen weiblichen Autorinnen – mit „sie“ ist noch nicht Karen Duve gemeint, der mit ihrem neuen Roman „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ allerdings auch ein großer Wurf gelungen ist. Sie, das ist zunächst das Freifräulein Annette von Droste-Hülshoff, die Autorin der „Judenbuche“ und zahlloser Gedichte, die ihren Ruhm begründet haben.

Im wahren Leben allerdings war eben jenes Freifräulein vom Glück alles andere als verfolgt. Ein bisschen zu klein, ein bisschen glotzäugig, gesundheitlich anfällig und von der männlichen Verwandtschaft als zu dominant empfunden, stand sie in ihrer Jugend im Abseits. Wie sehr ihre erste große Liebe die Situation für das Freifräulein verschärft, zeitweise sogar unmöglich gemacht hat, erzählt Karin Duve in ihrem neuen Buch.

Viel Liebe für die Akteure

„Die Details zu diesem Drama waren gar nicht so leicht zu ermitteln“, sagte Duve in der von Martina Sulner moderierten Lesung im Heine-Haus. Nicht alles bis ins kleinste Detail des Romans beansprucht deshalb historische Authentizität. „Aber die Eckdaten sind historisch verbürgt. Der Roman beschreibt eine nicht völlig ausgeschlossene Möglichkeit“, erklärt die Autorin. Und das tut er einerseits mit viel Liebe für die Akteure, andererseits mit viel Zeitkolorit. Mag auch nicht absolut jeder Begriff, jede Redewendung in das frühe 19. Jahrhundert passen, das Bild insgesamt ist stimmig und sagt sehr viel über die damaligen Lebensumstände.

Das frühe 19. Jahrhundert ist eine Phase, in der die industrielle Revolution ihre ersten Auswirkungen zeigt, zugleich große Teile der Landbevölkerung unter Armut, schlechter Infrastruktur und fehlender Bildung leiden. Insoweit immerhin ist das Freifräulein privilegiert: Als junges Mädchen stellt man ihr sogar einen Lehrer zur Seite, damit der ihre Neigungen zur Poesie und Lyrik fördern möge. Doch gleich nach der Pubertät ist es damit vorbei. Und als Nette sich dann unstandesgemäß in einen Kommilitonen ihres Onkels, den Studenten Straube, verliebt, gerät sie in die Schusslinie ihrer männlichen Verwandten. Auch der Neid der weiblichen Familienmitglieder bleibt nicht aus. Dem Höhepunkt strebt das Drama entgegen, als ein zweiter Verehrer um Nettchen wirbt.

Ihr Gefühl für Schuld

Zeit ihres Lebens wird Annette die von Karen Duve emotional mit viel Feingefühl geschilderte Affäre nicht vergessen können: Ihre moralischen Maßstäbe, ihr Gefühl für Schuld, all das entsteht in dieser Zeit. Die große Annette von Droste-Hülshoff, heute Pflichtlektüre für manchen Gymnasiasten, war zu ihrer Zeit alles andere als eine verehrte Künstlerin. In ihrer Jugend gefangen in Konventionen und Familienpflichten, später als berufstätige Frau misstrauisch beäugt – kein leichtes Leben.

„Schreibende Frauen waren Außenseiterinnen. Man gibt nichts von sich preis, wenn man eine Frau ist, schon gar nicht als Adlige“, erklärt Karen Duve, die sich mit der Zeit intensiv beschäftigt hat, um diesen 600 Seiten starken Roman zu stemmen. Ihre Leser und Leserinnen danken es ihr, auch an diesem Abend. Das Heine-Haus ist voll bis auf den letzten Platz, ein paar spontane Lüneburger warten vergeblich an der Abendkasse auf Restkarten. Es hat sich gelohnt, dabei gewesen zu sein, das Literaturbüro hatte eine glückliche Hand auch bei dieser Lesung. Langer Applaus beendet den Abend.

Von Elke Schneefuß

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