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Harald Wießner hat seine CD an der Orgel auf dem Nikolaihof eingespielt und wünscht ihr generell mehr Beachtung. Foto: Wießner

Der Klangschürfer

Bardowick. Die Feiern zum 300. Todestag von Heinrich Baltzer Wedemann fanden nicht statt. Der Mann ist selbst bei Google kaum zu finden. Warum also an Wedemann, der 39 Jahre Organist an der Kirche auf dem Bardowicker Nikolaihof war, erinnern? Das weiß Harald Wießner, auch er ist Organist. Sein Kollege Wedemann nämlich war einer der Hauptschreiber der Orgeltabulaturen, die in der Lüneburger Ratsbücherei lagern und im Kern absolut einmalig sind. Wießner hat diese Vorläufer der Notenschrift entziffert und stellte – nach drei Jahren Arbeit – eine CD samt 80-Seiten-Heft vor.

Der in Schneverdingen lebende Klangschürfer ist nicht der erste, der sich in die 20 handgeschriebenen Bände vertiefte. Die Orgeltabulaturen mit ihrer Fülle von Musik aus dem 17. Jahrhundert faszinieren viele Musikhistoriker. Zu diesem laut Wießner „bedeutsamsten Quellenkomplex des 17. Jahrhunderts aus dem norddeutschen Raum für Musik für Tasteninstrumente“ gehören zahlreiche Unikate und bisher nicht aufgenommene Werke. Solche bilden den Schwerpunkt von Wießners CD.

Schatz von historischem Rang

Bis heute besteht kein vollständiger, systematischer Überblick zu den Tabulaturen. Auch Wießner kann nur einen kleinen Extrakt liefen, aber diesen und das Umfeld hat er akribisch erforscht, dazu die Geschichte der Orgel auf dem Nikolaihof. Sie gilt ebenfalls als Schatz von historischem Rang, auch wenn sie 2013 restauriert und runderneuert wurde. In der Orgel stecken Klänge, die bis an den Ursprung des Instruments reichen. Die Geschichte der Orgel lässt sich bis 1445 verfolgen, eine Zeit, in der Lüneburg Stress mit Schulden, Papst und Kaiser hatte.

Gesichert ist, dass die Orgel auf dem Nikolaihof 1445 von Bürgermeister Hinrik Lange aus St. Johannis gekauft wurde. Lange ist der Mann, dem der Satz „De Sulte dat is Luneburch“ zugeschrieben wird. Die Orgel erlebte wie alle Orgeln eine Fülle von Umbauten, aber bis heute enthält sie zahlreiche Pfeifen aus der Zeit der späten Gotik und der Zeit um 1600. Das Gutachten zur Orgelrestaurierung 2013 datierte mehrere Orgelpfeifen „auf spätestens 1510“, vielleicht früher. Dann wären sie die ältesten ihrer Art.

Rechnungsführer, Küster und Organist

In jedem Fall habe die Orgel auf dem Nikolaihof es verdient, stärker in den Mittelpunkt zu rücken, sagt der in Schneverdingen lebende Musiker und Orgelforscher Wießner. Er hat bereits in seiner Heimat, er wurde 1965 in Neustadt an der Aisch geboren, Orgeltabulaturen erforscht. Diese spezifische, Buchstaben verwendende Form der Notation bestand bis 1645, danach wurden keine Tabulaturen mehr gedruckt. Im Booklet zur CD gibt Wießner auch eine kleine Einführung in das System, er stellt zudem die Werke auf der CD vor und die Verfasser der Lüneburger Handschriften, soweit sich etwas über sie erhalten hat.

Auch über Heinrich Baltzer Wedemann ist nicht allzu viel bekannt, er war Rechnungsführer, Küster und Organist auf dem Nikolaihof. Aber er wird einen guten Namen gehabt haben, sonst würde nicht an zentraler Stelle im Mittelgang der kleinen Kirche eine Grabplatte an ihn erinnern.

Wießners Forschung findet Resonanz: Der NDR und der Bayerische Rundfunk werden die CD „Die Lüneburger Orgeltabulaturen“ am 18. Januar vorstellen. Die CD kostet 18 Euro, ist in der Ratsbücherei und über www.haraldwiessner.de erhältlich.

Von Hans-Martin Koch

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