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Pilgerzeichen aus Königslutter am Elm aus dem 15. Jahrhundert. Fundort: Stader Hansehafen. Foto: Jörg Ansorge

Viele Wege führten zu Gott

Lüneburg. Vor 40 Jahren gingen 13 Menschen den berühmtesten aller Jakobswege. 1998 erreichten bereits gut 30.000 Menschen Santiago de Compostela, und im vergang enen Jahr machten weit mehr als 300.000 Menschen das Pilgern eher zur Massen- als zur Gottsuche-Veranstaltung im Norden Spaniens. Dabei gibt es viele uralte und neue Jakobs- und Pilgerwege in ganz Europa und auch in der näheren Umgebung, etwa an der Mecklenburgischen Seenplatte. Das Pilgern im Norden betrachten jetzt in einer gemeinsamen Forschung das Museum Lüneburg und das Stader Schwedenspeicher-Museum.

Auslöser dafür sind Funde im Stader Hansehafen. Dort wurden bei Ausgrabungen zahlreiche mittelalterliche Pilgerzeichen entdeckt. Sie machten den Archäologen bewusst, dass auch in Norddeutschland bis zur Reformation viele Menschen zu den großen Pilgerkirchen Europas unterwegs waren, auch zu zahlreichen heute vergessenen Wallfahrtskirchen in der eigenen Region. Untersucht werden unter anderem die Dome in Bardowick und Verden, die Klöster Ebstorf, Lüne, Medingen, Wennigsen und Wienhausen, auch Kirchen wie zum Beispiel St. Michaelis Lüneburg.

Mit der Reformation ging das Pilgerwesen zurück

„Wir wollen eine mittelalterliche Wallfahrts-Topographie des Elbe-Weser-Raums erstellen“, sagt Lüneburgs Stadtarchäologe Dr. Edgar Ring. Mit der Reformation ging das Pilgerwesen zurück. Dass aber auch Protestanten als Heilig-Land-Pilger in der frühen Neuzeit eine Rolle spielen, ist ebenso ein Thema des Projektes wie der Blick auf evangelische Wallfahrten zu sogenannten „Wunderbrunnen“.

Auch von Lüneburg aus führten am Ende des Mittelalters Pilgerreisen zu den berühmten Wallfahrtsstätten Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela. „Die Auswertung der archivalischen Überlieferung der Pilgerreisen ‚von Lüneburg bis an das Ende der Welt‘ – so der vorgesehene Titel unserer Ausstellung – wird Erkenntnisse bringen zu den Voraussetzungen der Pilgerreisen, den Motiven für den Aufbruch, den Bedingungen des Unterwegsseins wie Herbergen, Reisezeiten und Kosten“, sagt Museumsdirektorin Prof. Dr. Heike Düselder.

Ausstellungen im Spätherbst 2020 geplant

Wissenschaftlich federführend ist Dr. Hartmut Kühne. Der Berliner gilt als renommierter Forscher für Frömmigkeit und Kultur des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit. Kühne wird auch eine Tagung leiten, die vom 3. bis 5. April im Museum erreichte Ergebnisse vorstellt und eine internationale Wissenschaftlergruppe zu Vorträgen lädt. So wird Dr. Jörg Voigt (Rom) über zwei Lüneburger Rombesucher im 15. Jahrhundert sprechen, gemeint sind der Bürgermeister Albert van der Molen und der Lüner Propst Nikolaus Graurock. Sie führten eine Delegation, die 1454 zum Papst zog, um im Streit zwischen Kirche und Rat, über den zeitweise ein Kirchenbann verhängt wurde, zu vermitteln. Zehn Monate waren sie unterwegs – vergeblich. Eine Pilgerfahrt aber war es gewiss nicht.

Im Spätherbst 2020 wollen die Museen in Stade und Lüneburg ihre Ergebnisse in Ausstellungen präsentieren, begleitend von einer umfassenden Publikation. Der Blick soll dabei auch in die Gegenwart gerichtet werden. Gesprochen wird von einer „langfristigen touristischen Inwertsetzung“ ehemaliger Wallfahrtsorte in der Metropolregion Hamburg. Anders gesagt: Es könnten Pilgerwege reaktiviert werden.

Die Klosterkammer Hannover fördert das Vorhaben mit 41.750 Euro, ebenso die Stiftung Niedersachsen. Im Internet informiert die Seite www.pilgerspuren.de über das Vorhaben.

Von Hans-Martin Koch

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