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Lena Gorelik schreibt über eine Spurensuche. Foto: t&w

Von Sammlern und anderen Exoten

Lüneburg. Ein Ehemann, der einen am liebsten zum Therapeuten schicken möchte und eine Tochter, die wegen eines Herzfehlers dringend operiert werden muss – Sofia ist an einem Punkt angekommen, an dem so einiges auf sie niederzuprasseln scheint. Als dann auch noch die demente Großmutter stirbt, muss Sofia darangehen und deren Haushalt auflösen. Das ist die Situation, in die Lena Gorelik ihre Heldin im Roman „Die Listensammlerin“ schickt und die sie nun im Heine-Haus vorstellte.

Bei der Gelegenheit findet sie den schriftlichen Nachlass ihres Onkels Grischa, der im poststalinistischen Russland ein außergewöhnliches Leben führte. Genau wie seine in Deutschland lebenden Nichte Sofia war er ein begeisterter Sammler von selbst erstellten, handschriftlichen Listen. Tomatengerichte, die nie wieder gekocht werden sollten, Menschen die einem am Herzen liegen oder fünf Sätze, die nie wieder gesagt werden sollten – genau wie ihr Onkel fertigt auch Sofia Listen an, um dem Chaos ihres Alltags etwas entgegensetzen zu können.

Familiäre Bande, die durch einen Nachlass enthüllt werden

Das ist auf den ersten Blick vielleicht charmant oder kurios, aber kein Ersatz für eine Handlung im wirklichen Leben. Letzteres weiß auch Sofia, die eigentlich als Schriftstellerin arbeiten möchte, es aber im besten Fall nur noch bis zu einer Zeitungskolumne bringt – oder aber stattdessen eine Liste schreibt. Als Sofia erfährt, dass der russische Onkel Grischa ihre seltsame Angewohnheit geteilt hat, beginnt sie, die Familiengeschichte zu erforschen.

Familiäre Bande, die durch einen Nachlass enthüllt werden: Wie viel davon der eigenen Familiengeschichte von Lena Gorelik entlehnt ist, fragt sich der Leser des Buches vermutlich automatisch, doch bei der Antwort bleibt die Autorin vage: „Im luftleeren Raum schreibt niemand. Immer stützt sich ein Autor auch auf persönliche Erfahrungswerte“, sagt sie. Wie ihre Hauptperson Sofia hat auch Lena Gorelik russische Wurzeln, denn ihre Familie stammt aus Sankt Petersburg.

2007 wurde sie für den Deutschen Buchpreis nominiert

Gorelik, die auf Einladung der Literarischen Gesellschaft im Heine-Haus liest, lebt seit 1992 hier und ist in der neuen Heimat inzwischen fest verankert. Sieben Bücher hat sie publiziert, darunter auch Reiseliteratur: „Weil ich nun mal für mein Leben gerne unterwegs bin.“. Sie ist Mitglied des Autorenzusammenschlusses „Sarabande“ der danach strebt, Literarisches auch außerhalb des gängigen Verlagsmarktes zu publizieren. Für ihren Erstling „Meine weißen Nächte“ wurde sie 2007 für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Maria Moss, Vorstandsmitglied der Literarischen Gesellschaft, hat die 2013 erschienene „Listensammlerin“ in einem privaten Lesekreis entdeckt. „Uns gefiel dieses Buch ganz besonders, es ist außergewöhnlich“, sagt sie und fragt gleich nach einem neuen Buch aus der Feder der Autorin. Es gibt natürlich etwas, das in Arbeit ist, doch damit tut Gorelik sich schwer. „Ich weiß noch nicht, wo das hinführen soll. Die richtige Erzählstimme einer fiktiven Person zu finden ist unglaublich mühsam“, sagt sie. Und weil das so ist, werden ihre Fans noch eine Weile mit der „Listensammlerin“ vorlieb nehmen müssen.

Von Elke Schneefuß

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