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Joachim Zelter. selbst ein passionierter Radsportler, schrieb den „Roman einer Obsession“. Foto: t&w

Höllenfahrt an Himmelfahrt

Lüneburg. Es ist kaum möglich, über Sportereignisse Romane zu schreiben. 9,58 Sekunden, 2:01:39 Stunden, 8,95 Meter – das sind Sensationen eines Moments, der nur schwer im Nachhinein erzählerische Spannung und Tiefe erzielen kann. Über Sport schreiben reizt dennoch. Wie es gehen kann, zeigt Joachim Zelter. Mit seinem Roman „Im Feld“ kam er jetzt zur LiteraTour Nord ins Heine-Haus. Er schlug ein atemloses Stück Literatur auf.

Zelter ist hochgewachsen, asketisch schlank, trägt eine Basecap, ist passionierter Langstrecken-Rennradfahrer. Bis dahin gleicht er seinem Ich-Erzähler Frank Staiger, der gemächlich zu einem Rennradtreff an Himmelfahrt in Freiburg rollt. Am Heidegger-Denkmal, das es im wahren Leben nicht gibt, nimmt der „Roman einer Obsession“ Fahrt auf. Staiger ist in der mittleren Gruppe der Fahrt gelandet, 27er Schnitt, ein machbares Tempo, aber es kommt anders. Ein kaum greifbarer Gruppenführer namens Landauer peitscht das Peloton voran, zwingt es auf Gipfel und führt die Fahrer an den Rand ihrer Kräfte.

Eine Parabel auf das tägliche Leben

Über Sport schreiben heißt, in Personen einzusteigen, in ihre Gedankenwelt, ihre Gefühle. Ausdauersport bietet sich an, um ganze Existenzen zu durchstreifen. Über das Extremlaufen schrieb Günter Herburger wenig beachtete Bücher wie „Lauf und Wahn“, „Traum und Bahn“, „Schlaf und Strecke“. Herburgers manchmal kryptische, dann wieder konkrete Tagebücher handeln von Rausch und Erniedrigung, vom Weitermachen, von Grenzerfahrung.

Zelter liegt nicht so weit weg von Herburger, aber er geht sehr anschaulich, zunächst scheinbar unreflektiert auf die Strecke. Zelter nimmt den Rhythmus des immer atemloseren Pedaldrehens auf, den Takt schwindelerregend hoher Pulswerte. Der ruhig laufende Beginn wandelt sich in Stakkatosätze. Manchmal schreibt Zelter nur gehackte Satzfetzen, satzersetzende Worte, lyrische Prosa. Er könnte jetzt noch weiterkürzen, sagt Zelter nach dem Lesen.

Eine aufs Funktionieren optimierte Welt

Aber natürlich ist die rasende Fahrt auf dem Rad nur eine Folie. Als „Parabel“ bezeichnet Zelter sein Buch. Die (Selbst-)Quälerei wird zu einem Beispiel der tiefen Absurdität und Sinnlosigkeit aller Existenz, und schnell ist Zelter dabei, Albert Camus als Kronzeugen für diese Perspektive herbeizuziehen. Es gibt bei Zelter noch eine direktere Parallele – zum Arbeitsalltag: nicht abgehängt werden, keine Schwäche zeigen, sondern auf die des anderen lauern. Lauter Themen, die in einer aufs Funktionieren optimierten Welt ihre Entsprechung finden.

„Im Feld“, das macht Zelter im Gespräch mit Moderatorin Julia Menzel deutlich, sei ja auch ein militärischer Begriff, und dass der Gruppenführer Landauer feldwebelnd sein Kollektiv, seine Truppe gen Westen nach Frankreich führt, das mag ein Nebenaspekt sein, zeigt aber, wie durchkomponiert dieser Kompaktroman ist. Dass Frank Staiger, dem das ganze Leben durch den immer ausgedünnteren Geist läuft, dass er nach acht Stunden extremster Erfahrung ein anderer Mensch ist, das ist dann keine Überraschung.

Weg und Text führen an Grenzen

Joachim Zelter, promoviert in Anglistik, liest den Roman wie eine Inszenierung. Der Zuhörer muss mit auf die Strecke, hinein in ein Tempo, das den 27er-Schnitt schnell überschreitet. Über Sport schreiben heißt über Sporterfahrung schreiben und macht nur Sinn, wenn es an Grenzen führt wie diese Höllenfahrt an Himmelfahrt. „Ich suche immer die schlimmstmögliche Situation“, sagt Zelter. Das ist ihm gelungen.

Die LiteraTour Nord wird am Mittwoch, 19. Dezember, fortgesetzt. Inger-Maria Mahlke wird ihre wegen einer Erkrankung ausgefallene Lesung aus „Archipel“ nachholen. Die Buchpreisträgerin 2019 liest um 19.30 Uhr im Heine-Haus

Von Hans-Martin Koch