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Anja Imig und Thomas Matschoß planen neue Konzepte für das Jahrmarkttheater. Foto: oc

Sie machen einen Schnitt

Bostelwiebeck/Wettenbostel. Das Erfolgsrezept ist einfach. „Wir könnten auf dem Hof von Maria 20 Jahre lang den ‚Sommernachtstraum‘ spielen, das ginge immer“, sagt Thomas Matschoß. „Und darum machen wir einen Schnitt“, setzt Anja Imig hinzu. Matschoß/Imig sind das Duo, das in Wettenbostel Weiher und Weide, Hain und Halle zum sommerlichen Ort für Volkstheater gemacht hat. Immer poetisch und politisch, musikalisch und ironisch. Einmal noch wird das Jahrmarkttheater 2019 den Hof von Maria Krewet bespielen, und dann „wissen wir auch nicht, wie es läuft, und das ist gut“, sagt Anja Imig.

Sie stoßen an Grenzen. „Unsere Ansprüche und die des Publikums sind immer weiter gestiegen“, sagt Matschoß. Der Charme des Neuen verfliegt, die Produktionen wurden Stück um Stück bis in die Technik aufwendiger, Kosten stiegen, der Kampf um Zuschüsse für Theater auf dem Land wurde nicht leichter. „Auch deswegen; Schnitt!“

Rückblick: Die Wettenbostel-Geschichte begann 2008 mit Shakespeares „Was ihr wollt“. Zu Klassikern wie „Hamlet“ und „Der Diener zweier Herren“ kamen eigene Adaptionen großer Stoffe wie „Dracula“ und „Der Graf von Monte Christo“. Zunehmend wurden eigene, von Thomas Matschoß geschriebene Stücke gespielt. Alles in allem werden um die 50.000 Besucher nach Weternbostel gepilgert sein, zuletzt zu „Der schönste Tag“ und zum „Jahrmarkt der Einsamkeit“.

Jedes Jahr werden der Ort und die Form neu erfunden

Durchgehend achteten Mat­schoß/Imig darauf, sich nicht zu reproduzieren, den Ort mit seinen vielen Schauplätzen Jahr um Jahr neu zu erschließen und die Form, Theater zu machen, neu zu erfinden. Sie riskierten viel und gewannen meistens. Einmal also treten sie noch an, und es werden, wie es bei Abschieden so ist, Vertraute aus zwölf Sommerjahren dabei sein.

Abschied ja. Vorbei nein. Das Jahrmarkttheater hat seine Basis in Bostelwiebeck und dort den alten Stall zur Bühne gemacht. Wiese, Weg, Wald und Feld hat es in dem Dorf auch reichlich. Da wird sich im Sommer etwas spielen lassen – ab 2020 und in kleinerem Format. „Ändert man den Ort, wachsen neue Geschichten“, sagt Anja Imig. Stillstand ist der Tod. Maria Krewet, Gastgeberin in Wettenbostel, will ihren Hof weiterhin kulturell nutzen. Es wird von ihr zu hören sein.

Oma Sanne zieht über Land

In der dunklen Jahreshälfte steht beim Jahrmarkttheater ohnehin die Bostelwiebecker Stallbühne mit einer Kapazität von hundert Besuchern im Zentrum. Dort läuft bis zum 22. Dezember „Marlene und ich“, auch an diesem Wochenende, jeweils um 19.30 Uhr. Zur Vorstellung am Sonnabend, 15. Dezember, kommt eine alte Bekannte – Oma Sanne. Die 96-jährige Dorfälteste, gespielt von Thomas Matschoß, schnackt nach der Vorstellung mit dem Publikum und den Darstellern Sina Schulz und Arne Gloe.

Oma Sanne zieht in den kommenden Monaten mit ihren „Dorfgedanken“ über Land. Sie besuchte schon Kloster Medingen, wird in Kneipen, leeren Supermärkten und an anderen ungewöhnlichen Spielstätten die Nachrichtenlage der Welt und der Schwundregion betrachten. Auch der Spielplan in Bostelwiebeck ist gut gefüllt, mit Gastspielen, Improtheater-Workshops, Konzerten.

Ganz ohne Shakespeare wird es nicht enden

Zurück in den nächsten Sommer. Ganz ohne Shakespeare, ganz ohne „Sommernachtstraum“ geht es nicht zu Ende in Wettenbostel. Squenz, Zettel, Flaut, Schnock, Schnauz und Schlucker, die Handwerker und dilettierenden Schauspieler, werden auf eine Reise gehen. Shakespeare persönlich wird auftreten, aber bis zum Sommer 2019 darf das erst einmal alles getrost vergessen werden. Nur so viel noch von Matschoß: „Wir werden nicht leugnen, dass wir das zwölfte Mal da sind, aber wir wollen nicht nostalgisch sein.“ Ein bisschen traurig aber schon.

Von Hans-Martin Koch