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Nach vierzig Bühnenjahren will es Lulu (Philip Richert) noch einmal wissen. Foto: Theater/Tamme

Ein Glas Gin tut es auch

Lüneburg. Es ist niemals günstig, wenn frau auf der Bühne die Diva gibt – sexy, verrucht, geheimnisvoll und was sonst noch so dazugehört, und dann unter dem fal schen Titel auftritt: „Vierzig Jahre im Showgeschäft“, das klingt nach aufhören müssen und nicht können. So etwas dürfen Oldtime-Jazz-Bands mit weißhaarigen Männern, die noch einmal den original New-Orleans-Brass-Sound der Nachkriegszeit beschwören. Aber eine Sängerin, die sich Lulu nennt? Ist das eine Sexbombe, die nie gezündet wurde?

Das ist genau die Rolle, die Philip Richert mit Bravour ausfüllt. „Lulu Mimeuse“, die Chansonette, die – angeblich – in Las Vegas Triumphe feierte, die sieben Ehemänner verschliss (mindestens!), und nun im Studio des Lüneburger Theaters ein „Best of“ präsentiert. Eigentlich hatte sie ja bei dem Kürzel T.NT eine Arena erwartet oder zumindest eine veritable Showbühne. Und in den ersten Reihen, so lautete Lulus Bedingung, sollten nur knackige Männer zwischen zwanzig und dreißig Jahren sitzen. Aber hier? Nun ja.

„Ich bin die Rinnsteinprinzessin, Gelegenheitsbraut“

Andererseits: Madame Mimeuse sollte nicht undankbar sein, denn das Publikum feierte seine Diva vom ersten Song an, Standards wie „Puttin‘ on the Ritz“ und „Georgia on my Mind“, aber auch Tim Fischers „Rinnsteinprinzessin“, gesungen ohne Perücke, das Liedes geht so: „Ich bin die Rinnsteinprinzessin, Gelegenheitsbraut/ Küss mir das taube Gefühl von der Haut!/ Du bist mein Prinz auf dem staubigen Pferd/ Morgen ist unser Palast nichts mehr wert.“

Das sind die stärksten Momente in Philip Richerts drittem, selbst inszenierten Lulu-Mimeuse-Programm: Da, wo die Fassade bröckelt, eine Künstlerin sichtbar wird, die ein paar Enttäuschungen zu viel einstecken musste, mit Sarkasmus gegen die Aussicht ankämpft, am nächsten Morgen allein in einem zweitklassigen Hotel aufzuwachen und das nächste miese Varieté anzusteuern. Hat sie eben schon wieder einen klebrigen Witz gemacht? „Jawohl, das ist das Niveau des Abends!“ Ist das Whiskeyglas schon wieder leer? „Ich habe festgestellt, dass Sport mir zumindest das Gefühl gibt, dass ich danach nackt besser besser aussehe. Gin allerdings auch.“

Lulu bedient lustvoll Klischees

Und dann schleppt die Gute einen riesigen Koffer voller Kostüme mit sich herum – eine wunderbare Fummel-Revue, die vom strengen Anzug à la Marlene Dietrich bis zum Paradiesvogel-Federkleid reicht, das längst zu eng und zu knapp geworden ist. Schön, dass Kostümbildner Marco Wenzig einen eigenen kleinen Auftritt bekam. Die Revue ist nicht immer ganz schlüssig, es gibt Videoeinspielungen, die etwas bemüht wirken und dem Zauber nicht zuträglich sind, was aber in der Zwei-Stunden-Show (netto!) nicht wirklich ein Minuspunkt ist. Lulu hat den Abend im Griff, bedient lustvoll Klischees (etwa von den ewig drückenden Pumps) und feuert auch mal Kalauer ab – „Ich war die Carmen in der Oper Carmen und die Anna in Anatevka“.

Aber auch Lulu wäre nichts ohne die Band: Henri (Henning Thomsen) am Schlagzeug, Sébastian (Sebastian Brand) mit dem Akustik-Bass, und vor allem „Die Katze aus Bulgarien“, Pianistin Mira Teovilova, die mit Zylinder und schwarzem Umhang eher wie ein zerrupfter Rabe aussieht, und sich natürlich von der Diva Spott anhören muss. Langer Applaus für alle, ein Gläschen Schampus wäre jetzt recht.

Von Frank Füllgrabe