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Harte Zeiten für das Gespenst: Amis sind mit Spuk nicht einzuschüchtern. Foto: t&w

Kettenrasseln bringt gar nichts

Lüneburg. Welten treffen aufeinander im altehrwürdigen schottischen Schloss von Canterville. Während Miss Umney, die überaus britische Haushälterin, allmorgendl ich die Times bügelt, damit Mr. Otis bei deren Lektüre von Druckerschwärze verschont bleibt, halten die sehr amerikanischen Amerikaner „family conferences“ ab und glauben an die Traumawiederholungstherapie.

Nur an Spuk und Geister glauben die neuen Schlossbewohner nicht – sehr zum Verdruss von Sir Simon, dem seit 1575 aktiven Schlossgespenst. Denn just in diesem Jahr brachte er seine ungeliebte Gattin Eleanor um und fristet sein Dasein fortan – Strafe muss sein – als Gespenst, das allerdings nur waschechte Briten das Fürchten lehrt.

„Darling, sieh mal, der arme, alte Mann“

Das Stück, ursprünglich aus der Feder von Oscar Wilde, bearbeitet von Susanne Lietzow, feierte jetzt eine viel bejubelte Premiere im Theater im e.novum. Regisseurin Edina Hasselbrink und ihre Assistentin Juliana Bernecker haben das Stück mit einigen witzigen Einlagen wie beispielsweise den Werbe-Jingles oder den Rock’n Roll-Tanz gespickt, die Musik von Ulf Manú akzentuiert den „Clash“ der Kulturen sehr stimmig. Die schottischen Gemäuer zauberten Nicole Bettinger und Rolf Kienzle auf die Bühne, und Kirstin Rechten und Ute Glitzenhirn ließen bei den Kostümen keinen Zweifel, wer „trumpig“ und wer „distinguished“ daherkam.

In der A-Premiere des Kinderensemble I glänzte vor allem Lenya von Selzam als Mrs. „Honey“ Otis als herrlich überzogene Vollblutamerikanerin. „Darling, sieh mal, der arme, alte Mann“, war ihre Reaktion, als sich Sir Simon erstmals als Victor, der Wahnsinnige in Ketten zeigte. Silas Meier, ihr Gatte, war als großmäuliger Pragmatiker nicht minder typisch amerikanisch und hatte stets das perfekte Reinigungsprodukt gegen hartnäckige Blutflecken mit dem perfekten Slogan parat.

Ein verzweifelnder Geist

Auch die Kinder Virginia (Anna Rößler) und Washington (Anton Uffhausen) erfüllten mit Leidenschaft die Klischees vom lauten, schrillen, wenig erzogenen Nachwuchs. Washington mit Hang zu Pistolen und Virgie mit Hang zum adeligen Nachbarn, Lord Cecil (schön verpeilt: Lara Voicuns), der ihr sogleich seinen „Hosengarten“, pardon: Rosengarten zeigte, sich in sie verliebte und ihre feinen Saiten zum Klingen brachte.

Den urbritischen Gegenentwurf verkörperte Frida Helm als überkorrekte, etwas humorbefreite Haushälterin (und als verstorbene Lady Eleanor), die sich an den neuen Hausbewohnern rächte, indem sie minutiös erläuterte, wie das schottische Nationalgericht Haggis zubereitet wird. Laurenz Voss gab einen verzweifelnden Geist, dem es einfach nicht gelang, die furchtlosen Amis zu erschrecken.

Aber immerhin konnte er letztlich durch Virgies Hilfe von seinem alten Fluch befreit werden. Am Ende waren auch die beiden so grundverschiedenen Welten ein wenig versöhnt – zumindest auf der Lüneburger Theaterbühne.

Von Silke Elsermann