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Wladimir Kaminer nimmt alle Jahre wieder neue Kolumnen mit auf seine Lesetournee. Foto: t&w

Familie passt immer

Lüneburg. Wladimir Kaminer sagt von sich, dass er privat ein Russe, beruflich ein deutscher Schriftsteller sei. 1990 kam der Moskauer nach Berlin, und verlässlich kommt er im Rahmen seiner Lesetour kurz vor Weihnachten nach Lüneburg. Noch mehr Garantien: Er blättert in einem Stapel Manuskripte, preist sein aktuelles natürlich „bestes Buch“ an, der Saal ist wie immer ausgebucht, der Abend wird amüsant. So war es nun in der Ritterakademie.

Der Autor vom Prenzlauer Berg ist ein Meister der kurzen Form. Er schreibt Kolumnen, auch in der Landeszeitung. Er wisse immer nicht, ob er da Familiäres oder Politisches schreiben solle, sagt er. Aber das Private ist ja immer politisch, zumindest wurde das in den 70ern von Feministen und Spontis propagiert.

Kaminer ist am besten, wenn er in die eigene Familie blickt. Die muss einiges aushalten, aber das muten Kolumnen-Kollegen wie Axel Hacke und Harald Martenstein ihrem Clan ebenso zu. Das Unmittelbare liefert nun mal die besten Geschichten. Man muss sie nur erspüren. Kaminer-Buchtitel heißen zum Beispiel „Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß“.

Lakonisch und ironisch

Einen guten Kolumnisten unterscheidet von Comedians und Kabarettisten, dass er lakonischer und ironischer daherkommt, nicht zur krachenden Pointe ansetzt. Bei Kaminer verlaufen sich die Geschichten oft am Ende, sie sind nicht aufs Finale hin zugespitzt. Sie leben von einer Art Binnenschau. Nach wie vor spielt Kaminer dabei gern deutsch-russische Gegensätze aus, die im Alltag zu grotesken Situationen führen.

Eigentlich wollte er ja an diesem Abend aus „Die Kreuzfahrer“ lesen, aber er hat nun mal genügend Neues beisammen, und das ist für ihn und das Publikum spannender. Er testet so zugleich, was wie ankommt und gegebenenfalls fürs nächste Buch taugt – Nummer 26.

Immer wieder schweift Kaminer ab, streift dabei unter anderem sein 2007 in Buchform gebrachtes „Leben im Schrebergarten“. Die Kaminers mussten wegen „Problemen mit spontaner Vegetation“ gehen. Nun haben sie in Brandenburg eine Datscha, da gibt es keinen Protest.

„Deutscher Stollen mit russischer Prägung“

Es sind die kleinen überraschenden Wort- und Gedankenspielereien, die Kaminers Erfolg befördern. Dabei ist der Grat zum Kalauer, zum rein Plakativen schmal. Die Tochter studiert etwas, von dem niemand weiß, was es ist. Der Sohn mit frischem Abitur „sucht sich noch, aber am falschen Ort: bei uns.“ Oder eine Sentenz wie „Junge, die alles können und nicht wollen. Alte, die alles wollen und nicht können.“ Das funktioniert nur, weil es einen Kontext hat und Kaminer mit seinem Dialekt-Deutsch immer mitschmunzelt.

Es geht um Flüchtlinge, Mutters 97. Geburtstag, kulturbegeisterte Seniorinnen und zum Schluss um eine Weihnachtsgeschichte: „Deutscher Stollen mit russischer Prägung“. Darin wird es nichts mit dem Stollen, aber die in Cognac eingelegten Zutaten kamen prima an.

Von Hans-Martin Koch