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„All Knaller, no Filler“: Heinz Strunk schreibt kompakt über das menschliche Desaster, „Tiere und Landschaftsbeschreibungen gibt es bei mir nicht“. Foto: t&w

Misanthropische Miniaturen

Lüneburg. Es gibt Menschen, für die ist das Leben an sich schon eine Zumutung – das eigene, und das aller anderen sowieso. Man nennt sie Misanthropen, abgeleitet vom griechischen „hassen“ oder „ablehnen“. Vorsitzender der literarischen Menschenfeinde ist Heinz Strunk, der Autor, Musiker und Schauspieler schaffte es zuletzt mit „Der goldene Handschuh“ über den grenzdebilen Frauenmörder Fritz Honka in die Bestsellerlisten. Sein Nachfolger heißt „Das Teemännchen“, das klingt fröhlicher, bietet aber, so Strunk, „fünfzig depressive Prosa-Miniaturen“.

Eine Auswahl der schönsten beziehungsweise miesesten Geschichten präsentierte „Heinzer“ in der ausverkauften Ritterakademie. Da sind etwa Mike und Marion, er groß und dürr, sie klein und dick, er Tontechniker, sie Telefontante, beide im gleichen Laden. Marion ist die Langeweile in Person, Mike trägt das graue Resthaar zum Pferdeschwanz gebunden, ein „Prototyp des unbelehrbaren, humorlosen, linken Spießers“, damit ist eigentlich alles gesagt. Unklar ist, warum sich die beiden seit Jahrzehnten als Paar auf den Senkel gehen, vermutlich haben sei einfach keine Idee, was sonst noch geht.

Showdown bei Tempo hundert

Es kommt zum Showdown, als Mike mal wieder penetrant hundert fährt auf der Autobahn, der Umwelt zuliebe, und Marion ihm ins Steuer fällt: Sie will das Auto vor einen Dreißigtonner lenken, Schluss machen. Mike erkennt die Gefahr rechtzeitig, schlägt ihr mit voller Wucht mehrfach ins Gesicht, das Auto kehrt zurück auf seine Fahrbahn. Das wird Marion ihm büßen, endlos soll sie leiden, das Auto fährt mittlerweile sechzig, es wird niemals irgendwo ankommen.

Solche Schicksalsgemeinschaften, „need-companys“, gehören zu Strunks Kernthema. Menschen sind dazu da, einander zu brauchen und zu nerven – aber meistens sind sie sowieso einsam. Anja zum Beispiel, jung und durchaus hübsch, die so lange im „Borstelgrill-Eck“ arbeitet, bis sie im ewigen Frittenmief zum Wrack geworden ist, vom Chef in den Keller verbannt wird. Sie soll keine Gäste abschrecken. Das titelgebende „Teemännchen“ ist ein unglücklicher Student, der einen Teeladen aufmacht, in einer abgelegenen Straße, natürlich kommt niemand.

Die Depri-Miniaturen laufen meistens ins Leere, ohne Pointe, Expeditionen in die Randbezirke der Gesellschaft. Diese „sozialrealistischen Reportagen“ (Strunk) sind manchmal ins Surrealistische überzeichnet. Etwa bei dem Handelsreisenden, der in einem (natürlich schäbigen) Hotelzimmer mit seinen Habseligkeiten nach und nach ins Nichts gesogen wird. Niemand wird ihn vermissen.

Einsame Helden, vom Wahnsinn umwabert

Strunks einsame Helden sind vom Wahnsinn umwabert, definieren sich durch ihre Leidensfähigkeit, schaffen den Absprung nicht. Das gilt sogar für den hartgesottenen Rockstar Axl Rose, ehemals Frontman von Guns`n`Roses, der nach einem umjubelten Stadion-Konzert mit AC/DC (das gab es 2016 wirklich) in einer Hamburger Kaschemme versackt und irgendwann nicht einmal mehr von Fans wahrgenommen wird.

Die Geschichten sind lustig. Das liegt aber natürlich auch an der Lesung, an der Authentizität. Strunk ist ein bekennender Misanthrop, er wuchs mit seiner alleinerziehenden Mutter in einem Harburger Reihenhäuschen auf, spielte an den Wochenenden Flöte und Saxophon in einer zweitklassigen Tanzkapelle, das alles hat er in „Fleisch ist mein Gemüse“ beschrieben. Aus dieser Zeit stammt der Rufname „Heinzer“, aus dieser Zeit stammen seine Fähigkeiten als Musiker – die Lüneburger Lesung beendete er mit einer veritablen Querflöten-Improvisation über „Griechischer Wein“.

Der „goldene Handschuh“ kommt demnächst – mit Charly Hübner als Honka – in die Kinos. Der Autor kündigte weitere Kurzgeschichten an, Theaterstücke, eine Fortsetzung des Filmes „Fraktus“: Im Gegensatz zu seinen abdriftenden Helden hat Heinz Strunk dann doch ziemlich konkrete Vorstellungen von einer erfolgreichen Zukunft.

Von Frank Füllgrabe