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Pastorin Silke Ideker wirft mit dem Herausgeber und Mitautor Hansjörg Rümelin einen Blick in das repräsentative Buch zur Gerschichte der Kirche. Foto: t&w

Die Kirche, der Wandel, die Menschen, die Stadt

Lüneburg. Zuerst erzählt Hansjörg Rümelin eine Geschichte. Sie spielt am 11. Juli 1418 in Lüneburg. Hildemar von Saldern reitet in die Stadt, wird festlich empfangen, ein Regenguss pladdert auf ihn hernieder, Kinder mit Blumen sind vor Ort, alles, was Rang und Glauben hat, steht an der Michaeliskirche Spalier – und „nichts davon ist wahr“, sagt Rümelin. „Wir wissen nicht, wie es war.“ Aber dass es war. Denn an diesem Tag weihte Hildemar als Generalvikar des Bischofs von Verden das Langhaus der Michaeliskirche. Der 600. Geburtstag wird in diesem Jahr groß gefeiert, zum krönenden Finale liegt nun eine Festschrift vor. „Ein gewichtiges, ein außerordentliches Werk“, sagt bei der Buch-Präsentation Hans-Christian Biallas, Präsident der Klosterkammer Hannover.

30 Beiträge, 20 Autoren, 544 Seiten, mehr als 300 Abbildungen, Großformat: Es existiert in der Tiefe und Vielfalt kein vergleichbares Buch zu Kirchen in dieser Stadt und Region. Herausgeber Dr.-Ing. Hansjörg Rümelin, geboren 1959, ist Lüneburger, hier aufgewachsen, lebt heute in Hannover und ist als Fachberater für Kunst bei der Niedersächsischen Landesschulbehörde tätig.

Die Geschichte ist noch viel älter

Rümelin hat sich durch viele Publikationen als Fachmann für den norddeutschen Backsteinbau bewiesen. Seine Heimatstadt war für den heutigen Hannoveraner dabei immer wieder Thema, nie aber so umfassend wie in dieser Festschrift, die ein Festbuch ist, mit dem exakten Titel: „Das Benediktinerkloster St. Michaelis in Lüneburg. Bau – Kunst – Geschichte“.

Rümelin hat in mehr als drei Jahren Arbeit eine Publikation auf den Weg gebracht und mitverfasst, die sich wissenschaftlich fundiert und reich an Details allen denkbaren Themen rund um die mehr als 1000-jährige Geschichte des Michaelisklosters und die der nun auf 600 Jahre taxierten Kirche widmet. Die Geschichte des Baus, seiner Entwicklung, der verschwundenen und der erhaltenen Gebäude reicht bis in die Gegenwart. Das mag in der Genauigkeit der Darstellung vor allem ein Fachpublikum interessieren, aber nicht nur.

Wie sich das Gesicht der Kirche im Inneren wandelte, ist durch das Gemälde von Joachim Burmester aus der Zeit um 1707 einigermaßen bekannt. „Vermehrt, vernichtet, verstreut“ überschreibt Rümelin seine minutiöse Forschung zu diesem Bereich. Auch die Geschichte der von Dieben wiederholt geplünderten Goldenen Tafel bekommt ein Kapitel. Der Altaraufsatz wird als „einer der großen Kunstschätze Europas“ im Landesmuseum Hannover bewahrt, zurzeit restauriert und 2019 Thema einer großen Ausstellung.

In die Fürstengruft und auf den Glockenturm

Der Blick der Autoren weitet sich immer wieder auf den Kontext zwischen Stadt und Kirche, das ist anders gar nicht denkbar. Die oft hoch problematischen Beziehungen zwischen Kirche und Stadt sind Thema, Klosteralltag wird anhand alter Rechnungen erforscht, die Bibliothek und die angeschlossenen Schulen werden vorgestellt. Es geht in die Fürstengruft und auf den Glockenturm.

Herausgekommen ist ein Buch, das sich in Kapiteln, also ausschnittsweise lesen lässt. Es stellt so etwas wie eine Pflichtlektüre für stadthistorische Interessierte dar und wird als Basis weiterer Forschungen wertvolle Dienste leisten. Pastorin Silke Ideker dankte bei der Vorstellung im Hochchor der Kirche im Namen des Kirchenvorstands dem Herausgeber, den zum Teil aus Lüneburg kommenden Autoren und der – finanzierenden – Klosterkammer.

Ganz am Ende des Buchs, als der frühere Kantor Tobias Gravenhorst das Thema Kirchenmusik aufgreift und vor allem die Lüneburger Jahre 1700 bis 1702 des Knaben Johann Sebastian Bach umreißt, ganz am Ende fällt auch der Name Rümelin. Gottlob Rümelin (1887-1959) kam 1927 an die Kirche, als erster hauptberuflicher Kirchenmusiker seit vielen Jahrzehnten. Der Organist und Chorleiter brachte die lange brach liegende Kirchenmusik wieder zur Blüte. Der Kantor ist der Großvater von Hanjörg Rümelin. Kreise schließen sich.

„Das Benediktinerkloster St. Michaelis in Lüneburg“ mit vielen bisher noch nicht publizierten Fotos und Grafiken erschien im Lukas Verlag (39,80 Euro).

Von Hans-Martin Koch