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Judith Schalansky hat eine Wunderkammer des Verschwundenen geöffnet. Foto: t&w

Entdeckungen in der Wunderkammer

Lüneburg. Die Spanne, die Menschen in ihrem Leben unmittelbar erinnern, wird in der Regel von Großeltern bis möglicherweise Enkeln reichen. Viel mehr ist nicht zu erwarten, alles andere ist Erzählung und museal. Wo Welt und Leben ins Bruchstückhafte schrumpfen, wird es für Judith Schalansky spannend. „Ich mag Ruinen“, sagt die Schriftstellerin, es sind „utopische Orte“. Sie vermag es, „Leerstellen“ zu füllen, erfahrbar zu machen und beweist es mit ihrem „Verzeichnis einiger Verluste“. Aus dem Buch, einem der schönsten und überraschendsten des Jahres, las die 1980 in Greifswald geborene Autorin im Heine-Haus.

Der Abend beschloss die Reihe „Der Norden liest“, veranstaltet vom NDR-Kulturjournal, moderiert von Christoph Bungartz. „Erzählte Geschichte“ lautete das Motto der Lesereihe, und mit dem Buch stellt Bungartz die Frage: „Kann man Geschichte bewahren? Was ist so schlimm, wenn etwas verschwindet?“ Alle Antworten stochern im Nebel. In der Vorbemerkung zu ihrem Buch listet Judith Schalansky auf, was während der Arbeit des Schreibens verschwand: gesprengte Tempel in Palmyra, das Nördliche Breitmaulnashorn usw. Dem stellt sie das Entziffern des ältesten, 3800 Jahre alten Alphabets entgegen, das Entdecken einer Wespenart etc. Die Welt ist ein Ort des Gehens und Kommens.

Kaspischer Tiger und Guerickes Einhorn

Das Entfallene, Abgelegene, Marginale reizt Judith Schalansky, 2009 brachte sie den „Atlas der abgelegenen Inseln“ heraus. Mit der 1875 von allen Karten getilgten Insel Tuanaki beginnt das „Verzeichnis“. Schalansky spinnt um das Atoll eine Geschichte vom Entdecker James Cook und verbindet sie mit ihrer Suche im Archiv.

Die Themen, die folgen, sind völlig verschieden. Bei allen sieht Schalansky im „Fragmentarische das Volkommene, in das wir unsere Projektionen eingeben können“. Jedem Kapitel schickt sie eine lexikalische Erläuterung voraus, jedem gibt sie eine andere so sprach- wie phantasiemächtige Form.

Der ausgestorbene Kaspische Tiger, voller Würde gezeichnet, wird in eine grausame Szene im Circus Maximus geschickt, wo Massen sich an blutigen Gemetzeln ergötzen. „Guerickes Einhorn“ erscheint in einer Geschichte über den Versuch, einsam in den Bergen einen Naturführer der Monster zu schreiben. Ein verbranntes Gemälde von Caspar David Friedrich bietet Anlass zu einer so poetisch wie präzise beschriebenen Wanderung durchs Rycktal bei Greifswald, also der Heimat der Autorin. Und die alternde Greta Garbo wandert durch New York, hin- und hergerissen zwischen dem Ruhm einer Ikone und der Erfahrung ihres Bedeutungsverlusts.

Das Autobiographische ist in vielen der immer auf 16 Seiten konzentrierten Texte präsent. Die 16 Seiten sind von der Buchbindung formal vorgegeben. Die Buchgestalterin Schalansky stellt jedem Kapitel ein Bild voran, dass schwarz auf schiefergrau das folgende Thema schemenhaft erkennen lässt. Das Äußere ist durchdacht wie das Innere.

Vom Vergessen und vom Entdecken

Vergessen geschieht einfach, aber: „Wenn die Namen verschwinden, verschwindet das Wissen“, sagt Judith Schalansky. Abrisse wie der des Palasts der Republik bedeuten immer das Auslöschen der Geschichte. Mit dem Entdecken dagegen geht das Erzählen einher, ohne das es weder Geschichte noch Geschichten gibt. Judith Schalansky bringt mit ihrem „Verzeichnis“ ein Sammelsurium zum Klingen. In ihre so eigene wie spannende Wunderkammer zu ziehen, ist ein Vergnügen.

Von Hans-Martin Koch