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Andreas J. Meyer, aufgenommen im vergangenen Jahr bei der Ausstellung, mit der in der Lüneburger KulturBäckerei der 60. Geburtstag des Merlin Verlags gefeiert wurde. Foto: Zimmermann

Der Mut, unbequem zu sein

Gifkendorf. Am 17. Dezember wird der Gifkendorfer Verleger Andreas J. Meyer 91 Jahre alt. Ein bedeutendes Geschenk erreichte ihn nun vorab. Meyer, der 1957 in Hamburg den Merlin Verlag gründete, 1980 nach Gifkendorf wechselte, erhält den Kurt-Wolff-Preis 2019. Die Auszeichnung ist mit 26.000 Euro dotiert. „Das ist ja wie im Märchenbuch“, so Meyers erste Reaktion.

Vergeben wird der Preis von der Kurt-Wolff-Stiftung, die sich als Interessenvertretung unabhängiger Verlage versteht. Der Namensgeber Kurt Wolff (1887-1963) gründete 1912 seinen eigenen Verlag, gab Bücher von Werfel, Kafka, Trakl, Heym, Karl Kraus, Heinrich Mann heraus. 1924 kam ein Kunstverlag hinzu. Wolff musste vor den Nazis fliehen, erreichte über Umwege New York. 1958 kehrte er nach Europa zurück.

Seit 2001 wird der Preis für unabhängige Verlage vergeben, ausgezeichnet wurden unter anderem der Klaus Wagenbach Verlag (2010) und der Wallstein Verlag (2013). Bei der Preisverleihung für 2019 weicht das Kuratorium der Stiftung etwas von seiner Linie ab, denn es stellt stärker als den Verlag die Verlegerpersönlichkeit Meyer heraus. Gewürdigt wird Meyer für „seine Energie, seinen literarischen Spürsinn und seine Ausdauer“.

Inhalt steht über dem Kommerz

Andreas J. Meyer hatte den Merlin Verlag zunächst als Bühnenvertrieb gegründet, weil die unkoventionellen, avantgardistischen Autoren bei etablierten Verlagen keine Chance erhielten. Den Grenzgängern, Unangepassten, Umstrittenen gab Meyer seither Raum, etwa Jean Genet, für den Meyer in einem Musterprozess 1962 einen Sieg für die Freiheit der Kunst erstritt.

Die Pflege des Genet-Werks wird auch 2019 fortgesetzt. Bücher von Marquis de Sade, Jens Bjørneboe, Louis-Ferdinand Céline und vielen anderen kamen hinzu. Gepflegt wird weiter der Theaterverlag, 1987 kam der Little Tiger Verlag hinzu, der sich vor allem um Janosch-Bücher, -Kalender und -Tigerenten kümmert.

Als weiteres Feld beackerte Meyer früh die Kunst. Er brachte Bücher von Johannes Grützke heraus und Autobiographisches von Horst Janssen. Besonders fruchtbar wuchs die Zusammenarbeit mit der Werkstatt Rixdorfer Drucke, was zu großartigen und großformatigen Katalogen führte.

Verlagsgeschäft an seine Tochter weitgegeben

Meyer ist immer ein Verleger, der ins Risiko einstieg, der für die Sache focht und den inhaltlichen Wert über den dennoch erhofften kommerziellen Erfolg stellte. Das machte und macht das Überleben des Verlags nicht einfach, auch wenn es viel Anerkennung gibt, etwa 1984 durch den an kleine Verlage gehenden Preis der Wochenzeitung Die Zeit. Oder 2000 durch die Verleihung des Niedersächsischen Verlagspreises, der den Einsatz für das Werk junger und unbequemer Autoren würdigt.

Andreas J. Meyer, immer ein lustvoll, gern bei Wein in der Gifkendorfer Küche debattierender Mann, hat das Verlagsgeschäft an seine Tochter Katharina Eleonore Meyer weitgegeben. Zu den Autoren, die Merlin in jüngerer Zeit auf dem deutschen Buchmarkt etablierte, zählt Boualem Sansal, der 2011 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt.

Kampf gegen die Fluten des Mainstreams

Der Preis komme „zu einem Zeitpunkt, wo der Umwelt klar zu werden beginnt, dass nicht alles Neuerfundene auch zukunftsfähig ist“, sagt Meyer in seinem Dank für den Wolff-Preis. Das heißt aber auch: Ob der Merlin Verlag Zukunft hat, ist nicht so sicher. Unabhängige, unkonventionelle Verlage können sich immer schwerer gegen die Fluten des Mainstreams behaupten.

Die Verleihung findet bei der Leipziger Buchmesse am 16. März statt. Den mit 5000 Euro dotierten Förderpreis erhält die Berliner edition.fotoTapeta.

Von Hans-Martin Koch

One comment

  1. Hallo, Herr Koch,

    sieht aus als hätte Andreas J. Meyer, wenn er nur etwas zeitiger dran gewesen wäre, auch die Landeszeitung gründen können, um zu Beginn der 80er Jahre die unkoventionellen, avantgardistischen PH-Absolventen einzustellen, die bei etablierten Arbeitgebern in der Region keine Chance erhielten. Den Grenzgängern, Unangepassten, Umstrittenen gab Meyer deshalb wohl kompensatorisch zumindest zwischen Bücherdeckeln luftigen Raum, beispielsweise Jean Genet, über den Sartre 1952 einen 600 Seiten langen, etwas zähen Essay veröffentlichte, „Saint Genet, comédien et martyr“, in dem es heißt: “ Von den schwarzen Magiern Villon, Sade, Rimbaud und Lautréamont ist Jean Genet der letzte und vielleicht der größte.“

    Die Heiligsprechung bezog sich auf „Notre-Dame-des-Fleurs“, Merlin Verlag, Genet-Werkausgabe Band I, einen Roman, den Genet mitten im Krieg im Gefängnis geschrieben hatte, der aber erst 1948 in einer Liebhaberausgabe gedruckt werden konnte. Der Titelheld, die Madonna der Blumen, ist ein 16jähriger Mörder, dessen Lächeln „so voll von Azur ist, daß selbst die Gefangenenwärter das Dasein Gottes und der großen Geometrie spüren“. Genet sieht in dem Delinquenten einen Heiligen und einen Märtyrer. Dieser männlichen Maria gesellt sich Divine bei, ein Strichjunge, dem die Rolle der Magdalena zugedacht ist.

    Eine der bizarrsten Schriften Genets ist der Roman „Pompes funèbres“, zu deutsch „Das Totenfest“, in dem er das Massacker der SS an allen Einwohnern von Oradour als poetisches Ereignis feiert, Verrat und Mord preist, ebenso wie die „schönheit“ von Besatzern und Kollaborateuren. Hitler würdigt er als Homosexuellen. Auch dieses Buch konnte damals natürlich nur als Privatdruck „auf Kosten eines Liebhabers“ erscheinen.

    1977 solidarisierte sich Genet dann mit der Baader-Meinhof-Gruppe, der sogenannten „Rote Armee Fraktion“, deren mörderische Anschläge er lauthals bewunderte. Zu dieser Intervention hatte ihn ein Anwalt namens Croissant bewogen. Daraufhin sah Genet sich in der Pariser intellektuellen Szene isoliert. Dazu kam, daß er von einem Kehlkopfkrebs geschwächt war. Außerdem plagten ihn Zahn- und Prostataprobleme.

    Übrigens starb vergangenen Freitag Horst Herold, seines Zeichens BKA-Chef zu Zeiten der RAF und Erfinder der legendären Rasterfahndung. Ende der Siebzigerjahre rüstete Herold den deutschen Polizeiapparat auf und gerierte sich so als oberster Terroristenjäger des Landes. Wörter, die häufig in der BKA-Akte von Technikspezialist Horst Herold fallen: Computerstaat, Täterprofile, negative Rasterfahndung, elektronische Datenverarbeitung, Pong, Space Invaders, Totalüberwachung, Ende der Privatsphäre, Penis Enlargement, geile Trümmerfrauen, Error, Error, Error. Kollegen sagten Herold die brillante Fähigkeit nach, sich 1:1 in die Psyche von gefährlich verblendeten Politwirrköpfen mit leichtem Hau hineinzuversetzen, weil er selbst einmal Mitglied der SPD war. Leider stellte sich Herolds Überwachungssystem als Fehlkonstruktion heraus, da es neben vereinzelten RAF-Mitgliedern einzig Lüneburger Soziologiestudenten über der Regelstudienzeit ins Visier bekam, allerdings keinen einzigen Nazi fand, sofern man nicht über eine umständliche Installationsroutine die BKA-Personalakte per USB-1-Schnittstelle in das Programm einspeiste, was aufgrund miserabelster Datenübertragungsraten in den 70ern nie geschah. Horst Herolds Grab wird videoüberwacht.