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Musik voller Freude, Pracht und Festlichkeit beschließt in der Johanniskirche die Adventszeit. Foto: t&w

Das Beste zum Schluss

Lüneburg. Zu notieren ist ein Etikettenschwindelchen. Dabei geht es um drei Buchstaben. Joachim Vogelsänger nämlich hat nicht „das“, sondern plakativ „ein“ Weihnachtsoratorium in St. Johannis angekündigt. Der Kirchenmusiker nutzt also den zugkräftigen Namen des berühmtesten aller Großwerke zu Weihnachten. Der Inhalt aber ist zu drei Viertel ein anderer, wie beim genauen Hingucken auf Plakat und Programm zu erfahren ist.

Zuhören lohnt. Die drei an diesem Abend aufgeführten Kantaten, die Bach jenseits des Oratoriums zu Weihnachten schrieb, können es an Pracht und Innigkeit locker mit den berühmteren Werken aufnehmen. Und das letzte Viertel gehört dann ja doch dem „Jauchzet, frohlocket“, für das ein Großteil der Besucher in die voll besetzten Kirche gekommen sein dürfte.

Etikettenschwindel, um bei dem Wort zu bleiben, hat Johann Sebastian Bach in großem Stil betrieben. Es war gängige Praxis, früher geschriebene Musik in anderem Kontext neu aufzugreifen und anzupassen. Oft hat Bach dabei Weltliches ins Geistliche übertragen, es also gewissermaßen veredelt. Der Abend in St. Johannis beginnt mit der breit angelegten Pauken-Trompeten-Festlichkeit, die aus der vierten Orchestersuite vertraut ist. Hinein aber verwebt Bach nun den bis ins Lautmalerische wogenden Chor zur Kantate „Unser Mund sei voll Lachens“. Bekannter sein mag die – Parodie- oder Kontrafakturverfahren genannte – Methode beim „Jauchzet, frohlocket“ sein, dessen Vorläufer „Tönet, ihr Pauken“ als Geburtstagsgruß für Kurfürstin Maria Joepha entstand.

„Süßer Trost, mein Jesus kömmt“

Kantorei, Concerto Brandenburg und die Solisten Julia Henning (Sopran), Helena Poczykowska (Alt), Andreas Post (Tenor) und Thomas Laske (Bass) bilden mit Joachim Vogelsänger eine durchweg beglückende Einheit. Das gilt auch einegedenk der ewigen Kritik, dass es viel Kunst braucht, mit einem riesig besetzten Chor klangliche Ausgewogenheit mit einem „leisen“ Barockorchester herzustellen. Im Kern aber geht das gut auf.

Ein paar Spotlights: So wie die Kantate „Unser Mund. . .“ stark vom mitreißend vorgetragenen Eingangs-Chor lebt, so trägt in „Süßer Trost, mein Jesus kömmt“ die einleitende Sopranarie alles Folgende. Julia Henning balanciert mit Peter Holtslags umrankendem Flötenspiel Herzenswärme und im schnellen Teil auch Glückseligkeit ideal aus. Leuchtender, fried- und freudvoller lässt sich eine Arie eigentlich nicht vermitteln.

„Gelobet seist du, Jesu Christ“

Die in Lüneburg lebende Sopranistin zeichnet sich auch in Duetten aus. Mal mit Tenor Andreas Post, der Klarheit und Präzision – wie immer packend! – mit emotionaler Tiefe verbindet. Mal mit Helena Poczykowska, die ihre Altstimme solistisch nicht nur bei „Bereite dich, Zion“ bewegend in Szene setzt. Vierter im Bunde ist Bass Thomas Laske, der seine exzellente Stimmführung immer wieder mit Temperament und Dynamik auskleidet.

Wie auch Hörner fanfarengleich und eigenständig große Wirkung entfalten können, das zeigt das Orchester in der Kantate „Gelobet seist du, Jesu Christ“. Und dass die Kantorei die Freude, über die sie singt, durch die Bank auf gewohnt sehr hohem Niveau überträgt, das erfüllt alle Erwartungen.

Als der begeistert aufgenommene Abend mit der ersten Kantate aus dem einen wahren und echten Weihnachtsoratorium jauchzend und frohlockend ausklingt, da hätte es doch bei diesem kirchenmusikalischen Festfinale glatt weitergehen dürfen. . .

Von Hans-Martin Koch