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Antreten zum Konzertbetrieb 2019: Die Lüneburger Symphoniker unter der Leitung von Kapellmeister Ulrick Stöcker. Foto: be

Radetzky marschiert nach Spanien

Lüneburg. Die Symphoniker des Lüneburger Theaters spielen etwas, das nach Spanien klingt. Die Sängerin Friederike von Krosigk betritt das Auditorium, sie trägt ein Bolerojäckchen, eine Blume im Haar und ein Kleid, das nach Spanien aussieht. Das Publikum wartet darauf, dass die Künstlerin mit strahlenden Sopran zu singen beginnt. Doch dann bringt die Musikerin zwei kleine Instrumente in Stellung, die in ihren Händen kaum zu erkennen sind. Sie heißen „hembra“ (Weibchen) beziehungsweise entsprechend „macho“, und werden die Attraktion des Neujahrskonzerts 2019: Kastagnetten.

Das Programm, das Kapellmeister Ulrich Stöcker mit dem Orchester zusammengetragen hatte, war wie üblich geheim. „Optimismus“ sei das Motto, so Moderator Friedrich von Mansberg, aber das passt ja irgendwie immer, und traditionelle Neujahrskonzerte nach Wiener Vorbild bestehen nun mal aus Operetten-Auszügen, aus Märschen, Polkas und sehr vielen Walzern, vorzugsweise von Johann Strauss (Sohn).

„Es muss was Wunderbares sein – mal nicht von Krise zu reden“

Die Ouvertüre der Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ von Otto Nicolai funktionierte wunderbar zur Einstimmung, dann übernahm der Walzerkönig, also Strauss junior. Dazu gehörte die „Fledermaus“ als wohl populärste Operette überhaupt, und die Polka „Unter Donner und Blitz“, dazu gehörte auch das „Weiße Rössl“ von Ralph Benatzki, nur dass Friedrich von Mansberg als Zahlkellner sang: „Es muss was Wunderbares sein – mal nicht von Krise zu reden“.

Emile Waldteufels „Espana“ führte dann zum Sehnsuchtsland des Konzertabends und zum zweiten zentralen Thema: Wie machen sich Komponisten die volksnahe Musik eines Landes zu eigen? Sie schnappen Melodien auf, studieren Tanzrythmen, notieren typische Harmoniefolgen. Das Ergebnis sind meist Kunstlieder und Orchesterstücke, die sich wegen ihrer Beliebtheit schnell im gängigen Konzertbetrieb etablieren. Das bekannteste Beispiel sind vielleicht die „Ungarischen Tänze“ von Johannes Brahms. Aber was haben sie mit der tatsächlichen Folklore, mit dem überlieferten Liedgut eines Landes zu tun?

Musik von Joaquin Rodrigo und Manuel de Falla

Nicht allzu viel. Friederike von Krosigk verblüffte das Publikum mit ihrem virtuosen Kastagnettenspiel. Die Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin hatte den kontertanten Gebrauch der kleinen Holzschalen, die heute für Profis auch aus hochwertigem Kunststoff hergestellt werden, in Deutschland und Spanien studiert, entsprechende Klassik-Konzerte mit dem Gewandhausquartett Leipzig und anderen erstklassigen Ensembles gegeben. Das kunstvolle Geklacker sorgte denn auch zuverlässig für spanische Anmutungen und für einige Verblüffung, welche rhythmische und dynamische Vielfalt aus dem denkbar einfachen Instrument herauszuholen ist.

Mit Spaniens Volksmusik, den diversen regionalen Ausformungen des Flamenco, hat das nichts zu tun, denn dort wird nur – auf zwei unterschiedliche Arten – geklatscht. Und mit den komplexen Ryhthmen von Farruca bis Malagueña wären abendländische Orchester ohnehin in Atemnot gekommen. Egal. Mit dem berühmten Marsch aus „Carmen“, mit Musik von Joaquin Rodrigo und Manuel de Falla gab es schöne, stimmige Musik, um sich nach Spanien zu träumen.

Aber dann wurde es langsam Zeit, wieder zurückzukehren nach Wien, zur „schönen blauen Donau“ und zum unverzichtbaren Radetzkymarsch. Den gibt es mittlerweile sogar im Walzertakt. Hier kam noch einmal Friederike von Krosigk im Viertviertel zum Einsatz – funkelnde Marschmusik mit mediterraner Kastagnetten-Begleitung, das hat wirklich Charme.

Von Frank Füllgrabe