Aktuell
Home | Kultur Lokal | Angekratzte Erinnerungen
Katja Hirschbiel, Kuratorin der Ausstellungen in der Kreuzkirche, und Fotograf Martin Bäuml. Foto: ff

Angekratzte Erinnerungen

Lüneburg. Unsere Erinnerungen sind ein ebenso kostbares wie unkalkulierbares Gut. Richter wissen das und sind bei Zeugenaussagen grundsätzlich misstrauisch. Bilder, die wir im Kopf abgespeichert haben, verblassen genauso wie Fotografien, und manchmal kehren sich ihre Aussagen sogar um ins Gegenteil. Stationen des Verlustes und der Verwandlung schildert der Fotograf Martin Bäuml in seiner Ausstellung „Abschürfungen“ in der Kreuzkirche.

Erinnerungen, Prägungen, Verletzungen, so lauten die zentralen Stichworte, für die Martin Bäuml kleine Bilder-Zyklen zu einem Ganzen ordnet. Abschürfungen, das kann man hier im übertragenen Sinne und auch ganz konkret verstehen, in diesem Fall ist die zerstörerische Behandlung von Fotopapier gemeint, das anschließend mit alten Negativen belichtet wird: Schwarzweißaufnahmen aus dem Familienalbum der Bäumls, Szenen aus dem Urlaub oder Familienfeste beispielsweise, werden nun überlagert von farbigen, schlingernden, manchmal feurigen Flächen. Konturen verschleifen, Gesichter werden anonym.

Jeder Luftzug verändert die Ansicht

In einem zweiten Zyklus lässt Martin Bäuml die alten Aufnahmen unangetastet, kombiniert sie mit konkreten, manchmal auf dem Dachboden wiederentdeckten Objekten aus der alten Zeit – einem Kinderwagen zum Beispiel, in dem der Fotograf tatsächlich einst durch die Gegend geschuckelt wurde, oder eine Taschenuhr. Die korrespondierenden Motiv-Paare sind jeweils auf hauchdünne Stoffe gedruckt, sie wehen bei leichtem Luftzug, das Flüchtige bekommt hier eine konkrete haptische Ebene.

Drittens: Ein alter Koffer, den Bäumls Vater als Vertriebener mit sich schleppte, wird zum Symbol für Stationen der Flucht – kombiniert mit einer herausgerissenen Baumwurzel für den Aufbruch, ein Teller steht für das vorläufige Ankommen in der Fremde. Viertens: Die Erinnerungen verschwimmen zu diffusen Bildern, das sind nun ungegenständliche, farbenfrohe, lichtdurchflutete Aufnahmen. Über das Making-of spricht Bäuml nicht, macht auch keinen Sinn, denn es geht ja gerade um die Unergründlichkeit, das nicht mehr Fassbare.

Martin Bäuml, aufgewachsen in der Schwäbischen Alb, absolvierte zwei Studiengänge, Geographie und Fotodesign, arbeitete dementsprechend zunächst als Geopraph in München und anschließend als freiberuflicher Fotograf, lebt seit 2013 im Landkreis Lüneburg und ist hier Mitglied des Bundes Bildender Künstler (BBK).

Die Vernetzung des Individuums

Es gibt noch einen fünften Zyklus, der nichts mit den anderen zu tun hat, statt der guten alten Analogtechnik nun konsequent auf den Rechner setzt; TiteL: „Vernetzt“. Zu sehen sind Collagen von kleinen und kleinsten Bausteinchen, die mal wie eine Hochhausfassade und mal wie eine Platine wirken, dazwischen schimmert ein Porträtbild hervor, und das erklärt sich dann von selbst.

Die Ausstellung läuft vom 10. Januar bis 10. März. Vernissage: Sonntag, 13. Januar, 11.15 Uhr, im Anschluss an den Gottesdienst. Zu hören ist der Chor New Voices unter der Leitung von Jonathan Blochwitz mit Songs von Leonard Cohen (wir erinnern uns!) bis Coldplay.

Von Frank Füllgrabe