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Saskia Hennig von Lange überschreitet in ihrem Roman die Räume des Vorstellbaren. Foto: t&w

Alles verschwimmt

Lüneburg. Kann man diesen Mann mögen? Er verlässt eine schwangere Frau, er fährt zu schnell einen Lkw, er wird einen Unfall haben, er wird den beschädigten Last er in einen Wald manövrieren und sich immer mehr in der Natur, im Grübeln, im Fühlen verlieren. Alles in Saskia Hennig von Langes Roman „Hier beginnt der Wald“ führt ins Ungefähre, alles verschwimmt. Jetzt las sie im Heinrich-Heine-Haus, als Kandidatin für den Preis der LiteraTour Nord.

Die Lesereihe führt sechs Autor/innen in sechs Städte, in Lüneburg tritt das Literaturbüro als Veranstalter auf. Am Ende der Tour wird ein Preis vergeben. Er ist der VGH Stiftung 15.000 Euro wert und zählt damit zu einem der besser dotierten unter den gut 370 in Deutschland ausgelobten Literaturpreisen.

Das Besondere der LiteraTour Nord aber ist die Zusammenarbeit mit Universitäten. Das Begleitseminar an der Leuphana leiten Tilmann Lahme und Julia Menzel. Sie moderierte den Abend, den viele Studierende verfolgten.

Die tote Mutter spukt in seinem Kopf

Der Mann, der sich in den Wald verpflanzt und um den sich auf 150 Seiten alles dreht, bleibt anonym. Er ist ein Mensch, dem alles zuviel wird. Die tote Mutter spukt in seinem Kopf. Dass er Vater wird, belastet ihn, das ganze nach Plan laufende Leben, die Erwartungen an ihn, alles wird zur Last. Er will nicht mehr, nur seine Ruhe,. Er verkapselt sich im Führerhaus des Lasters. Zum Ende wird es tief im deutschen Wald ein Bunker sein, der scheinbar Schutz vor der Welt bietet.

Als er den Bunker bezieht, hat sich schon alles aufgelöst, sind alle Konturen verwischt: Innen und außen, Zeit und Raum, Mensch und Natur, Erleben und Ersinnen überlagern sich immer diffuser. Der Mann wird im Wald von einem Jungen begleitet, „so es ihn denn gibt“, sagt die Autorin. Auf nichts ist Verlass.

Geschichte läuft konsequent ins Nebulöse

Saskia Hennig von Lange entwickelt einen sprachlichen Sog, der beim Lesen und beim Vorlesen funktioniert. Sie lässt dabei ihre Geschichte konsequent ins Nebulöse laufen. Konstruktion und Rhythmus sind allerdings irgendwann spannender als der Namenlose, in dessen Kopf sich der Roman verliert.

In all ihren Büchern treibt Saskia Hennig von Lange Menschen in einen Extremzustand, sie spricht von Schwellenexistenzen, die sie interessieren. Aufgedeckt wird die Ausweglosigkeit und Absurdität aller Existenz. „Hier beginnt der Wald“ ist wie ein Experiment gebaut. Geleitet habe sie die Frage, wie weit sie in die Unschärfe gehen könne, sagt die Autorin. Sie geht sehr weit, sie könnte Bilder von Gerhard Richter bei ihren Lesungen projizieren.
Wie denn die Autorin zu ihrem Protagonisten stehe, wurde Saskia Hennig von Lange im Heine-Haus gefragt. Die Antwort passt ins Unschärfe-Konzept: „Ich mag ihn sehr. Er ist mir fremd. Ich beneide ihn.“ Die weiteren Termine der LiteraTour Nord: Nino Haratischwili („Die Katze und der General“) am 23. Januar um 19.30 Uhr im Heine-Haus, die Lesung ist so gut wie ausverkauft. Steven Uhly („Den blinden Göttern“) am 6. Februar um 19.30 Uhr im Heine-Haus.

Von Hans-Martin Koch