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Gabriele Datenet schreibt am liebsten in der Mittagspause im Café – oder auch mal davor. Foto: ff
Gabriele Datenet schreibt am liebsten in der Mittagspause im Café – oder auch mal davor. Foto: ff

Die Verluste sind hoch

Winsen/Luhe. Jeder Mensch hat so seine eigene Art, in der Mittagspause Luft zu holen. Manche machen einen kleinen Spaziergang, andere gehen shoppen. Gabriele Datenet sitzt im Café und plant den nächsten Mord. In dieser schönen Kunst ist die Winsenerin, die vorher und nachher im Katasteramt arbeitet, recht effizient. Gerade erscheint der zweite Kriminalroman, der dritte ist in Arbeit. Und die Verlustquote am Personal – im Buch, nicht im Katasteramt – ist hoch.

Ihr Stammcafé an der Lüneburger Straße in Winsen ist nicht unbedingt behaglich, der Geräuschpegel hoch – Gabriele Datenet scheint es mehr zu inspirieren als zu stören. Immer dabei ist das Schreibmäppchen mit dem karierten DIN-A-5-Papier und das Kugelschreiber-Etui. Geschrieben wird also mit der Hand. Nur der Text vom Vortag liegt sauber ausgedruckt dabei. Das hilft, den Anschluss zu finden, das Geschehen weiterzuspinnen. Mal ein halbes, mal ein ganzes Stündchen gönnt sich die Autorin pro Mittag, gleitende Arbeitszeit macht es möglich. Zwei Jahre dauert es auf diese Weise, bis ein Krimi fertig ist.

Die Opfer sind rothaarig

Der neue Titel „Brandmal“ (Verlag bookshouse, 346 Seiten, 13,99 Euro) spielt vor allem in Hamburg. Fünf tote Frauen, bestialisch ermordet und im Uferbereich eines Hamburger Sees verscharrt: Der Täter scheint ein bizarres Ritual zu pflegen. Die Opfer sind rothaarig, tragen symbolträchtige weiße Spitzenkleider und wurden durch ein Brandeisen gezeichnet. Die Todeszeitpunkte liegen zwischen drei Wochen und sieben Jahren auseinander. Kommissar Friedrich Hansen unsd seine Kollegin Sigrun Krüger suchen vergeblich nach einer heißen Spur, zwei weitere Morde können sie nicht verhindern.

Dann verschwindet die im fünften Monat schwangere Lisa Petersen, die Ermittlungen führen zu ihrem Patenonkel. Dort findet die Kripo das Brandeisen. Doch Sigrun Krüger misstraut dem offensichtlichen Erfolg, zu Recht. Zusätzliche Dramatik bekommt die Geschichte, als auch noch Hansens Tochter verschwindet, die anscheinend in den Fall verwickelt ist.

Schreibwettbewerbe als Herausforderung

Viel gelesen und auch selber geschrieben hat Gabriele Datenet schon als Teenager, eine heimliche Leidenschaft zunächst, aber die Winsenerin machte mehr daraus. Ihre Kurzgeschichten wurden in Anthologien aufgenommen, „und ich nehme auch gern die Herausforderung von Schreibwettbewerben an“, da waren schon erste und zweite Preise drin. Für das Thema „Mystische Gestalten“ beispielsweise sammelte Gabriele Datenet Material über Trolle in Norwegen – angeblich wurden dort schon Straßen um Hügel herumgebaut, um die kleinen, meist schlecht gelaunten Wichte nicht zu verärgern.

Irgendwann war der erste Roman fällig, „Im Sumpf der Angst“ erschien 2014 und richtet sich an jugendliche Leser. Neben Hamburg und Winsen taucht auch Lüneburg als Schauplatz auf, die Altstadt-Häuser mit den runden Fassaden-Bäuchen beispielsweise erschienen der Autorin als reizvolle Schauplätze. Nach dem „Brandmal“ (2018) hat sie nun damit begonnen, die Mitarbeiterzahl im „Hans. OLG“ zu verringern, im Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg, als erster musste ein Familienrichter dran glauben.

Zwar macht sich Gabriele Datenet einen Plan, bevor das Schreiben beginnt, aber manchmal werden die Protagonisten störrisch, führen die Ermittlungen auf Umwege. Das bringt ihre Schöpferin nicht aus der Ruhe, emotionale Tiefe ist ihr ohnehin wichtiger als ein rasanter Action-Thriller-Plot: „Ich bin eher die Gefühlsschreiberin“, sagt sie lakonisch, „dann fließt es auch.“

Von Frank Füllgrabe