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1982 Bochum: Udo Lindenberg plaudert mit Joseph Beuys. Foto: Karin Rocholl
1982 Bochum: Udo Lindenberg plaudert mit Joseph Beuys. Foto: Karin Rocholl

Gute Bilder brauchen Zeit

Lüneburg. Vielleicht lässt sich die Art, wie Karin Rocholl Menschen fotografiert, an einem Beispiel erklären. Über viele Jahre hat sie immer wieder die Schriftstellerin Elfriede Jelinek porträtiert, zum Beispiel im Wiener Hotel Sacher. „Ich habe 30 Zimmer besichtigt, bis mir eines gefiel“, erzählt die Fotografin, während sie am Mittwoch in der KulturBäckerei ihre Ausstellung „Leute“ einrichtet. Der Ort, das Licht, die Haltung, die Geste, die Perspektive – nichts überlässt Karin Rocholl dem Zufall. „Bei mir sehen die Menschen gut aus“, sagt sie, die über mehr als 20 Jahre für den „Stern“, für weitere Medien, Filmproduktionen und auch aus eigenem Interesse Stars und Prominenz aus Film, Theater, Musik und Politik ins Bild setzte.

Es sind die 80er Jahre, als Karin Rocholl vom „Stern“ angeheuert wird, als einzige Frau neben 22 Fotografen. Sie hat sich in der Szene behauptet, ohne sich groß anzupassen. „Ich bin eine Fotografin, die selbst gesagt hat, was sie machen will.“ Schnell fallen im Gespräch Worte wie Anstand und Respekt. Karin Rocholl sucht nicht den schnellen, sensationsheischenden Effekt, sie will die Menschen verstehen, sie erfasst ihr Wesen, sie nimmt sich Zeit, sie ist vorbereitet. „Wenn ich zu einem Schriftsteller fahre, habe ich vorher seine Bücher gelesen“, sagt sie. Martin Walser ist wie die Jelinek einer, der immer wieder der Hamburgerin vertraut. Oft im Porträt, auch mal von hinten, wie er in einer Allee in Nebel hineingeht.

Hinter den Bildern stecken oft Geschichten

Sie fotografiert analog, mag den langsamen und zugleich spannenden Prozess, bis sie das Ergebnis betrachten und bewerten kann. Ihre „freche Sprödigkeit“ hat Andre Heller gerühmt. Michael Naumann, der frühere Kulturstaatsminister, verweist auf einen „Hauch von Ironie“, der auf Rocholls Porträts und ihrer Inszenierung liegt. Das Vergnügen an der Arbeit ist wie ihre Ernsthaftigkeit den Aufnahmen immer anzusehen.

Der fotoscheue Gerhard Richter und der Selbstinszenierer Jörg Immendorff, die Schauspielerinnen Gudrun Landgrebe und Marianne Sägebrecht, deren Kollegen Isabelle Huppert und Sean Connery, Avantgarde-Komponist Luigi Nono und die DDR-Band Silly – alles „Leute“, die bis zum 24. Februar in der KulturBäckerei bleiben. Hinter den Bildern stecken oft Geschichten. Deutlich ist es auf Filmstills aus der Kinosatire „Schtonk“. Überraschender ist das Foto, auf dem Joseph Beuys und Udo Lindenberg entspannt nebeneinandersitzen – 1982 in Bochum, beim Konzert „Künstler für den Frieden“.

Verspielte, spontane Bilder

In der Regel ist es der konzentrierte Blick der Frau, des Mannes, der die Kamera, die Fotografin und den Betrachter fesselt. Karin Rocholl kann auch anders: Eine Bildcombo ging gerade durch die Medien, sie zeigt Helmut Schmidt im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo. Es sind geradezu verspielte, spontane Bilder in einem überladenen, nicht inszenierten Raum im Hause Schmidt.

Heute ist Karin Rocholl vor allem mit dem Kunstmarkt befasst. Der liebt Schwarzweißfotografien. „Hätte ich das früher gewusst, hätte ich zu den Farbaufnahmen, die seit Ende der 80er Standard sind, immer parallel schwarzweiße gemacht“, sagt sie. Ihr Werk ist gefragt, die Deutsche Kinemathek ist an ihrem Archiv interessiert und auch die Berliner Akademie der Künste. Das Fotografieren selbst ist kein großes Thema mehr. „Aber wenn mich jemand fragt und nett ist . . .“

Bekannte Fotos, die nie erschienen sind

Die Jelinek-Bilder aus dem Sacher haben noch eine Pointe. Dort entstanden, wie immer mit viel Aufwand, auch „Fesselfotos“. Die aber wollte die Autorin, wie sie schnell merkte, nie gedruckt sehen. Karin Rocholl hat die Negative alle zerschnitten und in einer Tüte der Schriftstellerin übergeben. Aber das Motiv hatte sich rumgesprochen, und die „Fesselbilder“ zählen zu den bekanntesten Fotos, die nie erschienen sind.

Von Hans-Martin Koch