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Boris von Poser und Olaf Schmidt stecken in den Endproben zu „Zauberberg“, die Kulisse im Hintergrund deutet den Spielort an. Foto: t&w

Man muss Schneisen schlagen

Lüneburg. Wie soll das gehen: Thomas Manns „Zauberberg“, 1008 Seiten lang mählich voranschreitend, in Tanz zu übertragen? Auf zwei Stunden zu trimmen? Das sind so Herausforderungen, die Olaf Schmidt liebt. Der Ballettdirektor des Theaters Lüneburg hat bereits eine ganze Reihe von Romanen in Bewegung und auf den Punkt gebracht, etwa „Schlafes Bruder“, „Hundert Jahre Einsamkeit“, „Drei Schwestern“. Nun also der „Zauberberg“. Schmidt hat den Roman mit Co-Regisseur Boris von Poser gekürzt, verdichtet, mit Bild und Bewegung in Form gebracht. Die Uraufführung am kommenden Sonnabend ist seit Wochen ausverkauft.

Satirisch durchzogenes Zeitpanorama

„Der Zauberberg“, erschienen 1924, gehört zu den Romanen, die fast jeder kennt, aber deswegen noch lange nicht jeder gelesen hat. Im Zentrum des Romans und natürlich des Balletts steht der Student Hans Castorp, der in die Schweizer Alpen nach Davos reist, um in einem Sanatorium seinen siechen Vetter Joachim Ziemßen zu besuchen. Drei Wochen will Castorp bleiben, sieben Jahre werden es, bis ihn der Erste Weltkrieg schluckt. Wie lässt sich Zeit in Tanz übertragen? Die Lösung Schmidt/von Poser: Sie wird in einer Figur gebündelt, zudem über Musik gekennzeichnet. Auch die Krankheit wird personifiziert. Es wird ja bisweilen gestorben in dem Sanatorium der Tuberkulösen.

Thomas Mann baut sein satirisch durchzogenes Zeitpanorama in bedächtiger, mitunter mäandernder Sprache auf. Humor zu choreografieren, das ist vorstellbar. Aber Schachtelsätze? Auch dafür hat Olaf Schmidt eine Lösung gefunden – eine, bei der sich immer mehr Körper verknoten.

Ausgiebig schildert, um noch eine Ebene zu skizzieren, Thomas Mann philosophische Debatten: Settembrini, Aufklärer und Humanist, versus Naphta, der das Prinzip der Freiheit als überlebt ansieht. Beide Figuren werden einbezogen.

Auch der „Soundtrack“ wird zur Herausforderung

Das klingt dann langsam kompliziert, und dass in manchen Tänzern mehrere Figuren des Romans bzw. ihre Charakterzüge vereint werden, auch das kann, aber muss man nicht wissen oder aufzudröseln versuchen. Die Geschichte, das Tanztheater als Ganzes muss tragen.

„Man muss Schneisen schlagen“, sagt Olaf Schmidt. Mit dem Schneiden begonnen haben von Poser und er ganz vorn: Castorps Kindheit, in den ersten Kapiteln ausgebreitet, findet auf der Bühne nicht statt. Aber natürlich Castorps erotische Begegnung mit Madame Chauchat. Der Name der Dame leitet sich vom Französischen ab – heiße Katze.

Musik, die für Thomas Mann typisch ist, begleitet die Szenen: Wagner, Mahler, Strauss, Schubert, dessen „Lindenbaum“ im Roman eine Rolle spielt. Für Dirigent Ulrich Stöcker und die Lüneburger Symphoniker bietet der „Soundtrack“ eine echte Herausforderung. Denn Werke, die eigentlich ein fett besetztes Orchester fordern, müssen auf Lüneburger Möglichkeiten heruntergebrochen werden, ohne ihre Fülle und Schwere zu verlieren. Kontrastiert wird die sinfonische Wucht zum Beispiel mit Musik von Philip Glass, einem Vertreter der Minimal Music.

Gerry Hungbauer tritt als Hofrat Behrens auf

Zur Compagnie hinzu kommt Schauspieler Gerry Hungbauer, in Lüneburg vertraut durch „Rote Rosen“. Hungbauer ist ein alter Bekannter von Schmidt und von Poser. Alle drei lernten sich am Pfalztheater Kaiserslautern kennen. Die Verbindung erweitert Manuela Müller. Sie hat schon in der Pfalz für Olaf Schmidt Bühnenbilder aus Raum und Atmosphäre geschaffen.

Gerry Hungbauer tritt als Hofrat Behrens auf und spricht die Sprache Manns, integriert ins Tänzerische. Für ihn gab es wie für alle bei der Ballett-Matinee, die der Premiere vorausging, mächtig Vorschussjubel.

Von Hans-Martin Koch