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Schiffsmusiker Tim Tooney (Raimund Wurzwallner) erinnert sich an den Ozeanpianisten. Foto: privat

Teatro di narrazione

Lüneburg. Mit den Eigentümlichkeiten des italienischen Theaters kennen sich wohl nur Fachleute aus – den Namen Dario Fo aber hat fast jede(r) schon mal gehört. Der Names des Literatur-Nobelpreisträgers, Regisseurs und Schauspielers steht für das „Teatro di narrazione“, für das italienische Erzähltheater: eine strenge Form der Regie, die keinen Schnickschnack duldet. In dieser Tradition spielt Raimund Wurzwallner „Novecento – Die Legende vom Ozeanpianisten“, Premiere ist am 24. Januar in der KulturBäckerei.

Der „Ozeanpianist“ gehört zu den einflussreichsten und erfolgreichsten postmodernen italienischen Theaterstücken. Das Solo von Alessandro Baricco erzählt eine fiktive Geschichte: Auf dem Passagierdampfer Virginian, in einer Pappschachtel auf dem Piano des Ballsaals, wird ein nur wenige Tage alter Säugling gefunden, offenbar von armen Auswanderern ausgesetzt. Es bekommt den Namen Danny Boodman T.D. Lemon Novecento: Danny Boodman heißt der Maschinist, der das Baby entdeckte, Lemon war die Aufschrift der Zitronenschachtel, Novecento steht im Italienischen für 1900, das Jahr des Fundes.

Brillanter Jazz-Pianist

Bis zur Verschrottung des Dampfers irgendwann nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird Novecento das Schiff kein einziges Mal verlassen. Als brillanter Jazz-Pianist gelangt er auf den Schiffsrouten rund um die Erde zu grandiosem Ruhm. Doch er widersteht allen Angeboten für hochkarätige Engagements, die Welt da draußen erscheint ihm unheimlich und unverständlich. Zu seinen wenigen Freunden gehört der Trompeter und Band-Kollege Tim Tooney, aus seiner Sicht wird die Geschichte erzählt.

Raimund Wurzwallner war schon einmal Tim Tooney, 2009 im T.NT. „Das ist jetzt keine einfache Wiederaufnahme“, betont Raimund Wurzwallner, die Regie – damals von Rüdiger Walter Kunze – wurde im Sinne des Teatro di narrazione überarbeitet. „Es funktioniert ein bisschen wie die Dogma-Filme, es geht um größtmögliche Klarheit und minimale Distanz zum Geschehen.“

Keine Kulissen, keine Lichtorgien, keine Musik

Also: keine Kulissen, keine Lichtorgien, keine Kostüme, keine Schminke, keine Musik, keine komplizierten Schauspiel-Charaktere. So ganz hundertprozentig hält sich Raimund Wurzwallner nicht daran. Aber: Er führt selbst Regie, schaltet während des Stückes betont offen mit einem Fußpedal die Licht-Stimmungen um, bedient auch einige Musik-Einspielungen. Als Tim Tooney wird er weitgehend zum reinen Erzähler, das einzige Kostüm ist eine Weste über der – natürlich schwarzen – Alltagskleidung. Auf der Bühne, in den Ecken, liegen ein paar Kisten als Andeutung, wir befinden uns im Laderaum der Virginian.

Die Premiere am 24. Januar beginnt um 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen sind am 2., 9. und 10. Februar sowie am 15., 16., 17. und 22. März. Für Raimund Wurzwallner ein volles Programm – als echter Mann des Teatro di narrazione wird er auch in den Pausen Saft und Sekt verkaufen.

Von Frank Füllgrabe