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Das Bild mit dem fliegenden Schwein: Pink Floyds „Animals“, 1977, Design: Roger Waters. Foto: Aubrey Powell © Pink Floyd Music Ltd

Kunst in Hülle und Fülle

Lüneburg. Das Schwein, das durch Fabrikschlote fliegt; die Kuh, die ihren Kopf zum Betrachter dreht; der Geschäftsmann, der durch einen Händedruck zu brennen beginnt; Kinder, die nackt ein Meer aus Steinen erklettern. Wer die Pop-Kulturgeschichte verfolgt und vielleicht auch miterlebt hat, kennt diese quadratischen Bilder von Pink-Floyd- und Led-Zeppelin-Alben. Geschaffen hat sie Hipgnosis. Ein Name, der Kenner wissend nicken lässt, alle anderen schütteln den Kopf. Jetzt ist der Londoner Agentur um Storm Thorgerson und Aubrey Powell eine große Ausstellung in der KulturBäckerei gewidmet.

Die Kuh auf dem Cover verrät nichts über den Inhalt

Allein schon der Name: Hipgnosis. John Colton, aus Irland stammender Berliner Galerist, kennt die Geschichte. Colton hat die Ausstellung aus den Tiefen des Londoner Hipgnosis-Archivs kuratiert, in seiner Browse Gallery gezeigt, für Lüneburg erweitert. Colton bringt Syd Barrett ins Spiel, den Musiker von Pink Floyd, der sich früh in den LSD-Nebel verabschiedet hat. Barrett, so geht die wahrhaftige Legende, hat besagtes Wort in die Tür zur Wohngemeinschaft gekratzt, in der er mit Thorgerson und Po­well lebte. Die beiden gründeten mit dem Kunstwort die Agentur Hipgnosis und gaben von 1968 bis tief in die 80er der Rockmusik Bilder, die heute zum Teil berühmter sind als die eingehüllte Musik.

John Colton und Sabine Drwenzki von der Berliner Browse Gallery haben die Lüneburger Ausstellung eingerichtet. Foto: t&w
John Colton und Sabine Drwenzki von der Berliner Browse Gallery haben die Lüneburger Ausstellung eingerichtet. Foto: t&w

Hip, das wollten sie natürlich sein. Gnosis, das kann für Erkenntnis stehen. John Colton spricht das „g“ nicht mit, dann kommt zusätzlich das Hypnotische ins Spiel. Thorgerson und Powell griffen Ideen aus dem Dada auf und aus dem Surrealismus – Dalí, Margritte, Buñuel etc. Die Kuh auf dem Cover zum Beispiel verrät nichts über den Inhalt: Pink Floyds „Atom Heart Mother“ (1970). Die Plattenfirma fand das Cover so ganz ohne Namenszug alles andere als verkaufsfördernd. Aber Thorgerson und Powell setzten sich durch.

Der Aufwand konnte irrwitzig groß sein

Keith Richards, aufgenommen 1973, die Zeit des Albums „Goats Head Soup“. Foto: Aubrey Powell / Hipgnosis
Keith Richards, aufgenommen 1973, die Zeit des Albums „Goats Head Soup“. Foto: Aubrey Powell / Hipgnosis

Thorgerson war „explosiv und streitlustig“, schreibt Peter Gabriel, dem eine ganze Wand in der KulturBäckerei gewidmet ist. Der Grafikdesigner Thorgerson, 2013 gestorben, und Aubrey Powell, für Gabriel „der Wunderbare, der Meisterfotograf“, konnten stur sein, betrieben oft irrwitzigen Aufwand. Sie reihten schon mal hunderte Krankenhausbetten an einem Strand auf („A Momentary Lapse Of Reason“, 1987). Unvorstellbar muss das für die klickende Generation Photoshop sein. Auch der brennende Mann („Wish You Were Here“, 1975) war natürlich echt, sie zündeten einen Stuntman an. Dessen, wie sich zeigte, sehr berechtigte Angst ist förmlich spürbar.

Hipgnosis arbeitete auch für Paul McCartney, Genesis, AC/DC, 10cc, T. Rex, Back Sabbath, Scorpions und viele mehr, aber zuallererst und immer wieder für Pink Floyd. Das hatte einen einfachen Grund: Thorgerson ging mit Roger Waters und Syd Barrett, zwei Gründungsmitgliedern der Band, zur Schule. Das berühmteste Pink-Floyd-Motiv mag das Prisma sein, das ein Lichtstrahl vor schwarzem Grund durch ein Dreieck wirft: „Dark Side Of The Moon“ (1973). Die Musik zum Album schwebt durch die Ausstellung.

Texte zu den Motiven erzählen viel Hintergründiges

Manchmal sind die Geschichten hinter den Bildern so spannend und skurril wie die Motive. Beim neun Meter langen, mit Helium gefüllten Schwein („Animals“, 1977) riss die Halterung. Das Schwein flog Richtung Flughafen Heathrow, Aubrey Powell befürchtete eine Katastrophe. Sie trat nicht ein. Texte zu den Motiven, die als Großdrucke in der KulturBäckerei hängen, erzählen viel Hintergründiges.

Zu den bekannten und berühmten Cover-Motiven kommen Fotografien, die Aubrey Powell lange unter Verschluss hielt. Paul McCartney etwa, als er mit den Wings startete. Oder die hier erstmals gezeigte Studie für ein dann doch nicht realisiertes Rolling-Stones-Cover, weiter der meditierende Syd Barrett und schockartige Bilder für ein Avantgarde-Theater.

Musik verliert ihren visuellen Kontext

Früher war eben doch mal was besser: Es gibt diese Kunst des Covers nicht mehr. Ihr Wert sank mit dem kleinen CD-Format, geht mit dem Streaming und dem Verlust des Haptischen unter. Musik verliert ihren visuellen Kontext. Die Arbeiten von Hipgnosis sind somit endgültig Teil der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts geworden.

Eine Parallelausstellung zur Lüneburger läuft zurzeit in San Francisco. Zur Ausstellung in der KulturBäckerei hat die Sparkassenstiftung einen kleinen Katalog herausgegeben. Bei Edel erschien im vergangenen Jahr ein großer Band, der sich dem Hipgnosis-Gesamtwerk widmet.

„Hipgnosis. Daring To Dream“ läuft bis 24. Februar.

Von Hans-Martin Koch