Aktuell
Home | Kultur Lokal | Rausch & Vergänglichkeit
Die Krankheit, getanzt von Claudia Rietschel, triumphiert und wird von den Sanatoriums-Patienten auch noch verehrt. Foto: Theater/t&w

Rausch & Vergänglichkeit

Lüneburg. Aus der Ferne grüßen Chüpfenflue, Schwarzhorn, Schafgrind oder wie die Berge bei Davos heißen mögen. Die Menschen aber, die hier in heilsamer Höhenluf t röcheln und keuchen, sie ziehen einen hermetischen Raum vor. Die Tuberkulösen und Kurzatmigen kacheln sich ein in ein Leben, das sie allem Alltag entzieht. Thomas Mann beschrieb diese wohlig gruselige Welt in seinem satirisch durchzogenen Roman „Der Zauberberg“. Nun haben Lüneburgs Ballettchef Olaf Schmidt und Co-Regisseur Boris von Poser aus 1008 Seiten einen zweistündigen Tanzabend gefiltert. Zehn Minuten Beifall am Ende zeigen: gewonnen!

Tatsächlich kurte Katia Mann 1912 in Davos. Thomas Mann besuchte seine Frau drei Wochen. Das ist die Spanne, die Manns Schlüsselfigur, der junge Hamburger Hans Castorp, auf dem „Zauberberg“ bleiben will. Da steht er nun, getanzt von Phong Le Thanh, auf der Bühne, staunend und eigentümlich fasziniert von dem Ort, der ihn erst loslassen wird, wenn Schützendonner den Ersten Weltkrieg meldet. Bis dahin sind es noch sieben Jahre.

Schmidt und von Poser zeichnen Castorps Irrungen und Verwirrungen in getanzten Skizzen nach. Castorp wird die Krankheit, die er nicht hat, annehmen, sich heillos verlieben, Erinnerungen hinterherfiebern und sich dem hochtemperierten Virus hingeben, der das ganze Sanatorium befallen hat.

Olaf Schmidts Kreativ-Reservoir

Der Abend lebt gleichermaßen von Poesie, Melancholie und Satire, von Rausch und Vergänglichkeit. Geprägt und gespeist wird er von eindringlichen, musikalisch unterfütterten Bildern aus Olaf Schmidts scheinbar unerschöpflichem Kreativ-Reservoir. Er nutzt den Raum, den Manuela Müllers Bühnenbild einhegt, für Szenen, die ein weites Panorama der Gefühle ausbreiten. Nichts wirkt abgegriffen. Lähmende Passivität, in sich kreisende Abläufe, das überdrehte Zurückfallen ins Kinderspiel, das atemlose Aufwallen von Erotik, für alles findet Schmidt Bewegungen, Gesten, Haltungen des Klammerns und des Lösens.

Wie in jeder Gruppe wird zugleich ein mal subtiles, mal offenes Spiel um Macht ausgetragen, nicht nur in dem etwas länglichen, Castorp schier zerreißenden Kampf der Philosophen Settembrini (Wallace Jones) und Naphta (Francesc Marsal).

Die tatsächliche Macht am Berg aber besitzt die Krankheit, deren leibhaftig verführerisches Potenzial Claudia Rietschel verkörpert. Sie lässt das schon zu Beginn spüren, als die Tuberkulösen wie tot am Boden liegen, und sie mit knappen Gesten die Leiber zucken, sich verrenken, sich winden lässt. Sie wird auch auf einer von zahlreichen artistischen Skulpturen aus Körpern thronen. Sie ist angreifbar, aber nicht zu besiegen.

Die mächtigste Frau des Moments wiederum ist Madame Chauchat, der alle Männer verfallen. Geschmeidig, verführerisch, dann wieder unnahbar wie in der Aktbild-Szene zeigt Júlia Cortés die Frau. Im Karneval-Totentanz nimmt sie den ewigen Jungen Castorp an, aber da – Vorhang, Pause!

Bewegung und Musik ergeben ein Ganzes

Der mächtigste Mann tanzt nicht oder deutet es einmal in Comedy-Form an. Gerry Hungbauer spielt den Hofrat Behrens, der als Chefarzt bzw. Conferencier im Glitzeranzug mephistophelisch Spott ausschüttet. Ähnlich brechen die Krankenschwestern die Szenerie auf; immer wieder fahren sie einen Toten aus dem Sanatorium, aber da gucken die anämischen Lebensgierigen nicht hin. Die bejahrten Krankenschwestern werden von Statisten gespielt. Bei den Gästen oder Klienten oder Patienten, also den Tänzern, helfen auch mal die Kostüme (Susanne Ellinghaus), um die jungen Darsteller alterslos wirken zu lassen.

Es ist nicht leicht, die vielen Szenen aufzuschlüsseln, an deren Verlauf bis kurz vor der Premiere geschraubt wurde – dem gedruckten Programmheft trotzend. Manches mag überdeutlich sein, manches vermittelt sich pur als Atmosphäre, manches blitzt nur auf. Dass dennoch ein Ganzes zu erleben ist, liegt auch an der mitschwingenden Musik. Ulrich Stöcker und die Symphoniker bringen mit kleinem Team Schwergewichtiges von Wagner, Mahler, Strauss zu Tiefe und Fülle. Dazu Kammermusikalisches und Zeitgenössisches von Glass und Jenkins, was dauerndes Umdenken fordert – und das nötige Können.

Sarah Altherr, Wout Geers, Rhea Gubler, Gabriela Luque und Pau Pérez Piqué vom Ballett haben wie die zuvor Genannten gleichermaßen Anteil am Erfolg. Er ist nur möglich, weil diese Compagnie so gut trainiert ist, so ausdrucksstark tanzt und so in sich gefestigt auftritt. Das Team ist der Star.

Von Hans-Martin Koch