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Der Konzertsaal der Elbphilharmonie hat eine nahezu hundertprozentige Auslastung, wird nun aber hart kritisiert. Foto: A/dpa

„Eine sehr sensible Dame“

Hamburg. Alle wollen in die Elbphilharmonie, fast alle schwärmen, und nun gibt es plötzlich Stress. Startenor Jonas Kaufmann attackierte nach einem Konzert die Akustik im großen Saal. Während seines Konzerts mit Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ wechselten Zuhörer, die hinter dem Orchester saßen, den Platz, es gab verärgerte Zwischenrufe, dass nichts zu hören sei. Türen knallten. Jetzt ist die Aufregung groß.

Inwieweit es ausschließlich an der Akustik lag, ist aber umstritten. Jonas Kaufmann trat mit einem Orchester auf, das unter anderem Trompeten, Hörner, Pauke und weiteres Schlagwerk einsetzt. Möglicherweise, so liefen Diskussionen, waren das Orchester und Kaufmann nicht gut aufeinander eingestellt, sodass die Klangbalance nicht stimmte. Möglicherweise hatte das Publikum auch falsche Erwartungen ans Programm, das keine Bravour-Arien bot, sondern einen sinfonischen Liederabend.

Seit mehr als 35 Jahren befasst sich die in Lüneburg aufgebaute Firma Profi Musik mit Schall und Raum. Profi Musik hat in der Elbphilarmonie zahlreiche elektroakustische Konzerte betreut, aber auch klassische Gesangsabende, zum Beispiel mit Sopranistin Simone Kermes. Sie trat mit kleiner Besetzung auf, wurde dennoch behutsam verstärkt. Das ist bei vielen Klassikhörern verpönt und eher unüblich. Beim Auftritt von Jonas Kaufmann wäre es sicher eine Lösung gewesen, meint Tobias Lange, Co-Geschäftsführer von Profi Musik.

Harsche Kritik gibt es nur vereinzelt

Grundsätzlich ist Lange von der Elbphilharmonie begeistert. „Ich kenne viele, viele Konzertsäle auf der Welt“, die Elbphilharmonie ist wirklich phantastisch.“ Er spricht von einem „omnidirektionalen Schallereignis“. Wenn er oben sitze und sich zwei Menschen auf der Orchesterebene unterhalten, ließe sich das verstehen. Das heißt aber auch, dass jedes Husten eines Besuchers in Konzerten zu hören ist. Schwierig sei die Akustik bei verstärkten Konzerten, etwa beim Jazz, schon, aber sie sei gut in den Griff zu bekommen, sagt Tobias Lange. Man müsse unkonventionell herangehen.

Kaufmann kritisierte die Akustik in einem weiteren Aspekt. „Mit Holz gäbe es einen wärmeren, weichen Klang. Das ist eine Krux, mit der Hamburg nun wohl leben muss“, meinte der Tenor im Hamburger Abendblatt. Akustiker Yasuhisa Toyota, einer der berühmtesten seines Fachs, hat die Akustik des 2100 Plätze fassenden Saals mit 10.000 individuell geformten Gipsfaserplatten gestaltet.

Der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann kann die Kritik ein wenig nachvollziehen, wie er am Rand einer Ausstellungseröffnung in Lüneburgs KulturBäckerei deutlich machte. Naumann ist heute Direktor der Barenboim-Said-Akademie in Berlin. Dort hat Toyota den Pierre-Boulez-Saal akustisch gestaltet – weitgehend mit Zedernholz. Das Material in die Diskussion einzubeziehen, findet Tobias Lange aber „schwierig“.

„Eine sehr sensible Dame“

Harte Kritik an der Akustik der Elbphilharmonie gab es bereits zur Eröffnung. Die Süddeutsche Zeitung warnte vor einem „akustischen Frontalangriff“ und vor einem „Akustikdebakel“. Das allerdings ist zu 99 Prozent nicht eingetreten. Vereinzelt wird auch bei Konzertkassen Kritik abgeladen. „Sie hält sich aber in Grenzen und betrifft ausschließlich Gesangsdarbietungen“, sagt Tobias Kusack von der LZ-Veranstaltungskasse. Für Burkhard Glashoff vom Konzertveranstalter ProArte ist die Elbphilharmonie „eine sehr sensible Dame“, wie er auf NDR 90,3 sagte. Laut Deutscher Presse Agentur bestätigt Glashoff eine Schwäche der Elbphilharmonie: Auf den Plätzen hinter der Bühne seien Gesangsdarbietungen schlechter zu hören als im Parkett.

Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter stimmt dem laut dpa zu: Es liege in der Natur von Weinberg-Sälen, dass Plätze direkt hinter dem Orchester bei Gesangsdarbietungen akustisch benachteiligt sind. In der Diskussion sei, ob bei Lieder- und Arienabenden die Ticketpreise anders gestaffelt werden können.

Kaufmann wird es egal sein. Er will seinen nächsten Hamburger Liederabend in der Laeiszhalle geben.

Von Hans-Martin Koch