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Empathischer Erzähler: Christian Berkel als Literatur-Gast im Lüneburger Theater. Foto: t&w

Typen wie bei Heinrich Zille

Lüneburg. Christian Berkel spielte in dem Film „Der Untergang“ einen SS-Arzt, neben Bruno Ganz als Adolf Hitler. Jetzt hat er sein eigenes Drehbuch geschrieben über die Nazi-Zeit, über Judenverfolgung und Menschen, die sich versuchen zur retten vor Denunziation, auch über diejenigen, die sich verführen lassen. Der Film zu diesem Script muss sich im Kopf abspielen: „Der Apfelbaum“ heißt Christian Berkels autobiographisch geprägter Roman, im vollbesetzten Theater stellte er ihn vor.

Rechercheur und Erzähler

Für brave TV-Produktionen wie „Derrick“ und „Der Alte“ hat Christian Berkel vor der Kamera gestanden, aber auch in Hollywood-Produktionen neben Tom Cruise und Brad Pitt agiert, mit Hardcore-Regisseuren wie Quentin Tarrantino und Paul Verhoeven gearbeitet. Der Schauspieler gehört zu den big names, und die Popularität mag die große Zuschauerresonanz erklären. Aber Berkel, 1957 in Berlin-Tegel geboren, ist nicht nur jemand, der Rollen ausfüllt, sondern ein sachkundiger Rechercheur und empathischer Erzähler.

„Der Apfelbaum“ ist die Erzählung von Familien, deren Wege sich kreuzen und wieder trennen, eine Drei-Generationen-Geschichte über das 20. Jahrhundert, eine Revue schillernder Persönlichkeiten, vor allem der Blick auf zwei Menschen, die denkbar unterschiedlicher Natur sind, und sich dennoch ein Leben lang nicht loslassen: Sala und Otto, dreizehn und siebzehn Jahre alt, als sie sich ineinander verlieben.

Der Stiefvater prügelt, in der Schule gibt es auch nur Schläge

Otto, geboren in einer schäbigen Berliner Hinterhof-Wohnung, gilt von vornherein als Katastrophe. Der Vater starb im Krieg, die Mutter hat nun ein Maul mehr zu stopfen, so simpel ist das. Der Stiefvater prügelt, in der Schule gibt es auch nur Schläge, bis sich der schmächtige Otto Muskeln antrainiert, sich Respekt verschafft und in einem typischen Ringerverein landet. Der allerdings ist ein Stützpunkt der organisierten Kriminalität, und es wäre übel ausgegangen – wenn Otto nicht bei einem Einbruch in eine noble, großbürgerliche Wohnung, fast schon von der Polizei entdeckt, von Sala hinter Bücherregalen versteckt worden wäre.

Sala, Angehörige einer jüdischen Intellektuellen-Familie, bleibt bei Otto, und die Szene, in der sie nun endlich seiner proletarischen Familie vorgestellt wird, gehört zu den heitersten des Buches. Da wird gnadenlos berlinert, die arme Sala muss sich deftige Sprüche anhören, und wenn das Ganze live von einem gelernten Schauspieler vorgetragen wird, ist das Kapitel noch mal so schön. „Es waren Typen wie in den Gemälden von Heinrich Zille, George Grosz und Otto Dix“, sagt Christian Berkel, aber immerhin: „Sie versuchten nicht, etwas anderes darzustellen, als sie wirklich waren.“

Dazu gehört auch, dass ein begeisterter Gestapo-Mann zur Familie gehört. Sala muss 1938 ihre deutsche Heimat verlassen, kommt bei ihrer jüdischen Tante in Paris unter, bis die Deutschen in Frankreich einmarschieren. Während Otto mit der Wehrmacht in den Krieg zieht, wird Sala bei einem Fluchtversuch verraten und in dem Lager Gurs in den Pyrenäen interniert.

Juden nicht ein zweites Mal ermorden

Christian Berkel also ist zu einem gewissen Anteil Jude, wobei die Juden selbst solche Herkunfts-Bruchrechnungen nicht kennen, ganz oder gar nicht, allein entscheidend ist die Abstammung der Mutter. Solche klaren Definitionen müssen sein, es gehe schließlich, so Berkel, um ein Volk, das sich über zweitausend Jahre ohne jede Heimat seine Identität bewahrt habe. Die Erinnerung an ihre Geschichte, an die Nazi-Greuel, ist dem Schauspieler und Autor – über die Grenzen der eigenen Familie hinaus – ein Anliegen. „Irgendwann muss doch mal Schluss sein“, diesen Satz hat er immer wieder gehört, „aber das hieße, sie ein zweites Mal zu ermorden.“

Sala entkommt dem Lager Gurs, sitzt im Zug nach Leipzig. Es naht die deutsche Grenze, Sala hat keine Papiere und sitzt mit einem undurchschaubaren Paar im Abteil. Ein Gestapo-Mann öffnet die Tür, die fremde Frau springt auf – und in diesem Moment klappt Christian Berkel das Buch zu, Ende der Lesung, irgendwann muss ja Schluss sein. Im Film, auch im Buch, nennt man diesen dramaturgischen Trick übrigens „Cliffhanger“.

Von Frank Füllgrabe