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Teambesprechung: Regisseur Jakob Arnold hört zu. Gleich ist Probenbeginn. Am Freitag folgt schon die Premiere. Foto: t&w

Güte oder Freiheit?

Lüneburg. Es gibt die gespannte und die entspannte Aufmerksamkeit. Die gespannte Variante zeigt einen aufrecht sitzenden Körper, macht sich groß, die Augen flit zen. Die entspannte liegt gerade in Reihe acht des Theaters Lüneburg und heißt Jakob Arnold. Er ist der Regisseur, es ist Probe, er fläzt sich im Theatersessel zurecht, Sneakers in die Höh‘, Basecap in die Stirn – er ist dabei hellwach! Auf der Bühne reihen sich sechs Schauspieler, aber wie reiht man sich richtig? Jakob Arnold springt auf, rudert mit großen Gesten, dirigiert, lockert die Reihe. Er ist dabei, ein ungewöhnliches Theaterstück auf die Reihe zu bringen: „Die Opferung von Gorge Mastromas“.

Als böse Komödie, als eine Art Krimi, als packendes Psychodrama wird das Stück vom Theater angekündigt. Immer wieder taucht darin eine Frage auf: Güte oder Freiheit? Gestellt wird sie ans Leben und an die Person des Gorge Mastromas. Der britische Autor Dennis Kelly weist in seinem 2012 herausgekommenen Drama dem junge Gorge die Güte zu: Gorge wird damit auf der Seite der Verlierer landen, der Unauffälligen, die im Mittelmaß dümpeln. Einer aus dem obersten Drittel der unteren Hälfte. Plötzlich aber öffnet sich eine Tür zu einem aufregenden Leben. Gorge legt alle Güte ab und ergreift die Gelegenheit beim Schopf. Er wird ohne Rücksicht auf anderer Leute Verluste ein Global Player, er wird einen „great deal“ nach dem anderen machen. Güte? Freiheit! Seine Freiheit. Aber oben ist die Luft verflucht dünn. Welchen Preis zahlt Gorge Mastromas?

Stück, feiert am Freitag, 8. Februar, Premiere

Davon erzählt Dennis Kelly in dem Stück, das am Freitag, 8. Februar, um 20 Uhr im Theater Premiere hat und viel über den Turbokapitalismus und seine Aufsteiger vermittelt. Auf der noch provisorischen Bühne stehen bei der Probe in noch provisorischen Kostümen Jan-Philip Walter Heinzel, Matthias Herrmann, Beate Weidenhammer, Stefanie Schwab, Philip Richert und Christoph Vetter. Sie sind der Erzähler, teilen die Geschichte des Gorge Mastromas in virtuosem Hin und Her auf. „Man muss den Text wie Musik behandeln“, sagt Regisseur Arnold. Lange habe er überlegt, welcher Textpart zu wem passt. Szene um Szene kommt zum klassischen Erzählen das Rollenspiel hinzu. Heinzel zum Beispiel wird zu Mastromas.

Jakob Arnold, der da in Reihe acht mehr liegt als sitzt und immer wieder hochfliegt, ist ein Regisseur der jungen Generation. 2018 schloss er sein Regie-Studium an der Folkwang Universität ab, seine Diplom-Inszenierung wurde vom Thalia Theater eingeladen. Nun feilt er in Lüneburg an Tonfall, Körpersprache und Rhythmus.

Drama wird oft nachgespielt

Das Bühnen- und Kostümbild stammt von Cornelia Brey, für die Arrangements und Komposition zeichnet Alexandra Palamaroudas verantwortlich. Alle arbeiten zum ersten Mal in Lüneburg. Dramaturgin Hilke Bultmann hat das Stück als zeitgenössischen – und zeitkritischen – Beitrag in dieser Spielzeit ausgewählt. 2012 war „Gorge Mastromas“ zum ersten Mal in Deutschland zu sehen. Das Drama wird oft nachgespielt. Hilke Bultmann ist ganz gespannte Aufmerksamkeit bei den Proben. Sie wird es auch auf der Premiere sein. Jakob Arnold sicher auch.

Von Hans-Martin Koch