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Carolin George im Blätterwald bzw. zwischen Textfahnen ihrer Schriftbilder-Ausstellung. Foto: t&w
Carolin George im Blätterwald bzw. zwischen Textfahnen ihrer Schriftbilder-Ausstellung. Foto: t&w

Journalismus wird Kunst

Scharnebeck. Der erste Satz ist unheimlich wichtig. Dieser Text zum Beispiel hat gar keinen ersten Satz verdient, denn Carolin George zeigt weit besser, wie es geht bzw. gehen kann: „Meinen ersten Nackten sehe ich schon von der Straße aus.“ So beginnt ihre Reportage über den tatsächlich existierenden Nacktwanderweg in der Heide. Der Einstieg ist konkret, er ist rätselhaft, und er weckt den kleinen Voyeur in uns. Besser lässt sich der Leser nicht in einen Text ziehen; sicher hilft in diesem Fall das „Nackt“-Thema mit. Die Autorin ist freie Journalistin und zeigt nun auf dem Kulturboden Scharnebeck, wie sich Texte zu einer Ausstellung aufbereiten lassen. Schuld daran hat Anton Bröring, Kurator der Galerie.

Das kam so: Carolin George betreibt mit der Grafikdesignerin Berit Neß das kreativ-kontor – mit Atelier in der KulturBäckerei. In dem Haus arbeiten vorwiegend Künstler. Bei einer Gemeinschaftsausstellung hatte Carolin George die Idee, den Text besagter Reportage als Objekt zu inszenieren. Das Ergebnis sah der Künstler und Kurator Bröring. Er hat einen ausgeprägten Sinn für das, was Seh-Konventionen aufbricht und lud die Journalistin ein, die Grenze zur Kunst ausgiebiger zu beschreiten.

Sie schreibt journalistische Geschichten

Der erste Satz aus der Nacktwanderer-Reportage funktioniert doppelt gut, weil er nicht von einem Foto erschlagen wird. Denn durch das Primat des Visuellen werden Sinn und Sinnlichkeit des geschriebenen und noch mehr des gedruckten Worts zunehmend an den Rand gedrängt. Mehr als eine Milliarde Menschen kommunizieren über Instagram, eine Plattform, die fast ausschließlich über das Bild funktioniert. Auch WhatsApp und Facebook aus dem globalen Zuckerberg-Imperium haben mit Sprache, die übers Kürzeln hinausgeht, wenig zu tun.

Carolin George aber schreibt journalistische Geschichten, mit Vorliebe über Menschen, die sich in einer besonderen und alles andere als leichten Situation befinden. Sie hat die Mutter, deren Tochter in Kaltenmoor ermordet wurde, befragt. Sie fand – bis heute leidende – Angehörige der Göhrde-Mordopfer 1989, und eine Frau, die fünf Jahre im Wachkoma lag. Sie beschrieb das Leben einer Hochsensiblen und das einer Frau, die einen Säugling adoptierte, der sich als schwerstbehindert herausstellt.

Papier und Schrift sind themenbezogen gestaltet

Texte wie diese erschienen in der Welt am Sonntag, in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, einige in der Landeszeitung. Für die Ausstellung hat Carolin George die Texte modifiziert, vor allem aber bekommen sie eine zusätzliche Dimension, sie werden in den Raum erweitert. Papier und Schrift sind themenbezogen gestaltet und werden um eine erfreulich knapp gehaltene symbolhafte Inszenierung erweitert. Auf dem Boden steht ein Koffer aus den 40er Jahren. In ihm liegen Blätter, wie mit Schreibmaschine getippt. Sie berichten vom Gröning-KZ-Prozess in der Ritterakademie, genauer davon, wie es sich für die Autorin anfühlt, wenn sich Täter und Opfer ins Gesicht schauen.

Die Reportage über den Nacktwanderweg hängt in großen Blättern oder Textfahnen auf einer zweckentfremdeten und doch in ihrer Funktion genutzten Garderobestange. Wie dieser Text bleiben Reportagen und Porträts bei allem formalen Aufbrechen lesbar. Etwa die über Nicole Jäger, die 15 Jahre im Rollstuhl saß, auf 340 Kilo anschwoll. Mittlerweile feiert sie, noch knappe 160 Kilo schwer, Erfolge als Autorin („Die Fettlöserin“) und ist als Kabarettistin unterwegs, am 16. Februar im Kulturforum.

Eröffnung am 9. Februar, 16 Uhr

Carolin George, das nebenbei, schreibt über den Journalismus hinaus mit Berit Neß Bücher. Sie besitzen wie „Radeln im Landkreis Lüneburg“ und der Landkreis-Kirchenführer „Gottes Häuser“ regionalen Bezug.

Die Ausstellung auf dem Kulturboden wird am Sonnabend, 9. Februar, um 16 Uhr eröffnet. Das erste Wort hat Bürgermeister Hans-Georg Führinger. Den ersten Satz zur Ausstellung und viele mehr zum Kontext von Wort und Kunst, Inszenierung und Wirkung spricht Kurator Anton Bröring.

Die Schriftbilder bzw. Text­inszenierungen sind bis zum 2. März zu sehen, freitags 16 bis 18 Uhr, sonnabends 15 bis 17 Uhr, sonntags 11 bis 13 Uhr.

Von Hans-Martin Koch

Jahresprogramm

Fünf folgen

Die Galerie Kulturboden bietet in diesem Jahr insgesamt sechs Ausstellungen. Auf Carolin George folgt vom 11. Mai bis 8. Juni der in Eitzen I lebende Fotograf Bernd Uhde. Vom 24. August bis 7. September zeigt der Bremer Thomas Recker Bilder und Assemblagen, vom 21. September bis 12. Oktober der Bamberger Werner Assenmacher Objekte. Es folgt vom 26. Oktober bis 16. November Malerei von Melanie Voltz, und vom 30. November bis 21. Dezember stellt Ursula Blancke-Dau Bilder aus. Sie betreibt wie Carolin George ein Atelier der KulturBäckerei.