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Julia Menzel sucht das Gespräch mit Steven Uhly, der im Heine-Haus seinen Roman „Den blinden Göttern“ vorstellt. Foto: t&w

Es gibt nicht nur eine Realität

Lüneburg. Was für ein Fest war sie dieses Mal, die LiteraTour Nord?! Von Oktober bis Februar lasen Inga-Maria Mahlke, Thomas Klupp, Joachim Zelter, Saskia Henning von Lange und Nino Haratschiwilli vor häufig ausverkauften Häusern. Anspruchsvolle Leser durften sich über intelligente Literatur freuen. Letzter in der Reihe der vorgestellten Autoren war nun Steven Uhly, ein studierter Literat, der auch Lyrik und Prosa aus dem spanischen und portugiesischen übersetzt. Er brachte sein neuestes Buch „Den blinden Göttern“ mit ins Heine-Haus, ein Titel, der neugierig macht auf den Abend, den Julia Menzel von der Leuphana moderierte – besser gesagt, sie versuchte es.

Die Moderatorin war gut vorbereitet, sie kennt sich aus in dem Buch, nur leider verweigerte sich der Autor zunächst jeder Diskussion. Die üblichen Fragen, das Warum und Wieso, das Woher und Wohin, es scheint ihn nicht sonderlich zu interessieren. Er liest lieber vor, natürlich aus dem Buch, dessen Titel neugierig macht.

Ein introvertierter, ordnungsliebender Menschen

In dem Werk geht es um den Buchhändler Friedrich Keller, einen introvertierten, ordnungsliebenden Menschen, durchschnittlich durch und durch, der sich selbst per Visitenkarte zum Leiter der eigenen Belletristik- und Lyrikabteilung seiner Buchhandlung ernannt hat. Keller kennzeichnet ein gewisser Lebensüberdruss, andere Menschen interessieren ihn nicht, bestenfalls die Gedichtsammlung, die ihm ein verwahrlost wirkender Kunde vor Kurzem in die Hand gedrückt hat, fasziniert ihn.

Keller beginnt, den Autor dieser Lyrik zu verfolgen – er ist begeistert von der Kraft der Worte, welche die Gedichte des Autors Radi Zeiler verströmt. Zur Eskalation kommt es, als der obdachlose und alkoholkranke Autor Anstalten macht, bei Keller einzuziehen und dessen Leben komplett auf den Kopf zu stellen.

Uhly liest gekonnt, sein Werk ist sprachlich auf äußerst hohem Niveau. Und worum es ihm dabei gegangen ist, auch das kommt so nach und nach ans Licht: Die Frage, was Realität wirklich sei, interessiert ihn. Wo ist der Unterschied zwischen Dichtung und Realität, wo beginnt die Fiktion, was ist Wahrheit? Woher wissen wir, dass unsere Wahrnehmung die Realität tatsächlich abbildet? Gibt es nicht ganz viele Realitäten, bestehend aus subjektiven Empfindungen, aus unterschiedlichen Eindrücken, die sich zu einer Grauzone vermischen und vermengen?

Storys rekonstruieren, Spannung erzeugen

Mit seinem Buch „Glückskind“ hatte Uhly 2012 einen großen Erfolg. Das Buch verkaufte sich gut, hatte Bestsellerqualitäten, eine Verfilmung folgte. Doch Uhly deutete an, dass er der Bestseller und ihrer Verfilmungen müde ist. Kollegen auf der ganzen Welt würden darauf getrimmt, in sogenannten „creativ writing“-Seminaren auf immer gleiche Weise massentaugliche Geschichten zu produzieren: Storys rekonstruieren, Spannung erzeugen, ein zufriedenstellendes Ende finden und das alles nach den gleichen Mustern, das will Uhly nicht. „Ich will experimentieren. Ich will wissen, was schreibend möglich ist“, sagte er.

Dass er den Leser dabei möglicherweise bis an die Grenzen fordert, stört den Autor nicht. Seine Geschichten tragen seinen persönlichen Stempel, massentauglich allerdings sind sie wohl in der Tat nicht. Kann man als Autor ausgetretene Pfade verlassen, ohne elitär zu werden? Braucht man nicht auch Handwerk, um Kunst zu fabrizieren? Oder umgekehrt, Kunst ohne Handwerk, wozu ist das gut? Interessante Fragen, die einen eigenen Abend mit gesonderter Diskussion verdient hätten.

Von Elke Schneefuß