Aktuell
Home | Kultur Lokal | Ein Fallbeispiel
"Sind Sie schon angewidert?" fragen die Darstellerinnen das Pubikum. Vielleicht, aber vor allem ist es gespannt. Foto: Theater/tonwert21

Ein Fallbeispiel

Lüneburg. Das Spiel dauert 90 Minuten. Es ist ein schmutziges Spiel, ein grausames. Es handelt vom Raubtier Mensch, von Kalkül und Kälte, von Moral bzw. von Mor ast, alles spielt im Hier und Heute. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der lange sein Leben „im oberen Drittel der unteren Hälfte“ fristet, doch plötzlich die Chance wittert, ganz nach oben zu steigen. Er fliegt und wird stürzen, er ist ein Fallbeispiel, notiert von Dennis Kelly. „Die Opferung von Gorge Mastromas“ ist das spannendste Stück, das in dieser Spielzeit im Theater Lüneburg läuft. Bis zu diesem Tag und wohl darüber hinaus.

Es muss irgendwo im 35. Stock eines Glaspalastes in London, New York oder Hongkong sein. In kaltes edles Grau ist der von Ausstatterin Cornelia Brey designte Raum geschlagen, hermetisch, kein Fenster, kein Bild. Männer und Frauen tragen perfekt geschnittenes Business-Grau – Typ: Hedge-Fonds-Manager, Firmenabwickler. Sie leisten sich keine Sentimentalitäten. Die sechs Akteure auf der Bühne reihen sich locker auf und erzählen die Geschichte von Gorge Mastromas und seiner Wandlung von der grauen Maus zum grausigen Monster.

Volle Konzentration auf den Text

Regie führt Jakob Arnold, er ist jung und wird als großes Talent gehandelt. Er stellt es unter Beweis. Arnold hat den Text des Erzählers auf das sechsköpfige Team verteilt und rhythmisiert. Die Spieler formen einen Chor, der ans Theater der Antike erinnert. Sie erzählen den Lebensweg Gorges nicht nur, sondern kommentieren ihn mit kleinen Betonungen, Haltungen, Gesten – distanziert, auch zynisch. Die Konstellation hat zudem viel vom aus der Mode gekommenen Brechtschen Theater. Das Publikum wird direkt angesprochen, es gibt keine Identifikationsfiguren, der Blick aufs Geschehen ist kritisch.

Der zweite Kniff, der einen wunderbar fokussierten Abend schafft: Arnold hat alles rausgeschmissen, was vom Text wegführen könnte. Kein Sound, keine Möbel außer einem Spielpodest mit gläsern glänzender Platte, die Zahl der Requisiten liegt irgendwo bei fünf. Großartig ist dazu das so knappe wie zentrierende Licht (Dirk Glowalla).

Lange bleibt die Form des Erzählens erhalten. Sie führt vom Jungen, der zum Loser wird, zum Jugendlichen und jungen Mann, der den Mut nicht findet, seine Träume auf Lebenstauglichkeit zu prüfen. Das Biopic wandelt sich in szenisches Spiel hin zu einer plakativen Lektion Turbokapitalismus. „A“, das ist Beate Weidenhammer, zerlegt das Unternehmen von Gorges Schwiegervater (Matthias Herrmann) und stürzt den Mann lächelnd ins Verderben.

Das ist der Moment von Gorge (Jan-Philip Walter Heinzel), der bisher weicheiernd alles mit sich geschehen ließ. Er lässt sich von A bezirzen, lässt alle Güte fahren und folgt drei Geboten: Wenn du etwas willst, nimm es dir. Um dir alles zu nehmen, brauchst du nichts weiter als zu lügen. Rechne immer damit aufzufliegen und bereue nichts, niemals, nie.

Die Lügen werden immer dreister

Der Chor wird die bis zur Horror-Groteske reichende Geschichte wieder übernehmen, Erzählung und Szene wechseln sich ab. Gorge lügt sich Macht, Leben und Sex dreister und brutaler bis zum Mord zusammen. Heinzels Mimik und Maske werden diabolischer. Irgendwann macht Lügen todeinsam.

Die Sprache ist direkt, manchmal drastisch. Gesprochen wird gestochen scharf, lange war Sprechkunst im Lüneburger Theater nicht so ausgereift zu erleben. Was das Team leistet, ist gewaltig. Es bewältigt Textmassen, muss supergenau reagieren, um die Spannung zu halten. Stefanie spielt Louise, sie verlässt Gorge, als er stürzt. Philip Richert ist Sol, der Bruder, der Gorges Lügen entlarvt, und Christoph Vetter hat als Pete am Ende einen Auftritt, als aus dem gesellschaftskritischen Stück längst ein Krimi geworden ist. Alle sind immer auch der Chor.

Es wird sehr, sehr lang geklatscht. Dem Team fallen Steine vom Herzen. Niemand ahnte, ob das Stück und vor allem seine Aufbereitung ankommen. Gelungen ist eine ausgesprochen spannende Inszenierung, die nachklingt und zum Diskutieren lädt – wie schön!. „Die Opferung von Gorge Mastromas“ ist noch fünfmal zu sehen – nur fünfmal: 13. und 21. Februar, 3. und 8. März, 9. April. Nach den Vorstellungen laden Dramaturgin Hilke Bultmann und das Team zum Gespräch.

von Hans-Martin Koch