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Erst war das Kulturforum ausverkauft, gestern sogar das Audimax: Felix Lobrecht zählt zu den Top-Comedians im Land. Foto: t&w

Von Kreuzberg in die heile Welt von Lüneburg

Lüneburg. Felix Lobrecht weiß, was er da oben tut. Selbstbewusst steht der Stand-Up Comedian in weißem Shirt, lila Jogginghose und Goldkettchen um den Hals zwei Stunden auf der Bühne und unterhält das Publikum. Mehr als ein Barhocker, auf dem ein Getränk steht, und sein Mikrofon braucht er nicht. Tabus kennt er dabei keine: Sein schwarzer Humor und die scharfsinnigen Alltagsbeobachtungen kommen gut an.

Der vom Deutschen Comedypreis als bester Newcomer ausgezeichnete Alleinunterhalter war am Donnerstagabend mit seiner Bühnenshow „Hype“ zu Gast im ausverkauften Kulturforum. Am Freitagabend gab er noch eine Zusatzshow im ebenfalls ausgebuchten Libeskind-Auditorium der Leuphana.

Für Felix Lobrecht, der in Berlin-Neukölln aufgewachsen ist und nun in Kreuzberg lebt, muss sich der Besuch in Lüneburg wie ein kleiner Kulturschock angefühlt haben: „Wenn Kinder eine Stadt malen würden, dann wäre das Lüneburg. Hier ist alles wie im Bilderbuch, hier ist die Welt noch in Ordnung.“ Am Nachmittag vor seinem Auftritt sei er ein bisschen durch die Innenstadt geschlendert und habe sich ein Bild von der Stadt gemacht.

Oma-Cafés reihen sich an Oma-Schuhläden

Was da vor allem bei ihm hängen geblieben ist: Während man in Berlin unbeeindruckt ist, wenn eine Person bellend vor dem Supermarkt steht, schauen die Leute einen hier ganz schockiert an, wenn man über eine rote Ampel läuft. Und: Wo waren denn die ganzen Mittzwanziger, die am Abend das Kulturforum gefüllt haben? Denn: In einer Stadt, die wie für Rentner geschaffen scheint, wo sich Oma-Cafés an Oma-Schuhläden reihen, von denen Lobrecht gar nicht mehr wusste, dass sie noch existieren, fragt er sich: „Geht man hier mit 13 in Rente?“

Lobrecht weiß, wie man das Publikum zum Lachen bringt. Indem er kuriose Alltäglichkeiten aufzeigt, bei denen eigentlich jeder genau weiß, was er meint, hat er alle auf seiner Seite: Da gibt es zum Beispiel in jedem Haushalt diesen einen „Wenn-Dann-Da-Ort“, meistens eine Schublade, in die beim Einzug Batterien gelegt werden und sich mit der Zeit Dinge wie Sekundenkleber oder alte Fahrradlampen dazugesellen. Oder dieses eine provisorisch verlegte Kabel, über das man ständig stolpert, aber der Zeitpunkt, um es in Ordnung zu bringen, einfach abgelaufen ist.

„Ihr dürft heute über alles lachen. Das macht euch nicht zu schlechten Menschen“, stellt Lobrecht zur sichtlichen Erleichterung des Publikums am Anfang seiner Show erst einmal klar. Denn sein Programm strotzt neben den Geschichten aus dem Leben eines 30-jährigen Berliners nur so vor schwarzem Humor, politischer Unkorrektheit, wie zum Beispiel derbe Späße auf Kosten von Randgruppen oder vulgären Äußerungen. Was jedoch im Laufe des Abends klar wird: Hinter der Fassade hat Lobrecht ein aufrichtiges Anliegen, nämlich das, was in der Gesellschaft falsch läuft, zu entlarven.

Wenn Geld ein Urlaubsort wäre . . .

Da wundert es nicht, dass es im Moment bei Lobrecht „so richtig läuft“: Eine Deutschlandtour mit fast nur ausverkauften Shows, sein 2017 erschienener Roman „Sonne und Beton“ wird verfilmt und sein Podcast „Gemischtes Hack“ mit dem TV-Autor Tommi Schmitt wird jede Woche von Hunderttausenden gehört. Und was Lobrecht auch gerne und oft erwähnt: Zum ersten Mal in seinem Leben habe er richtig Geld. „Wenn Geld ein Urlaubsort wäre, ich würd‘ euch empfehlen hinzufahren“, scherzt Lobrecht und schaut grinsend auf seine funkelnde Rolex.

Bis ihm der Durchbruch gelang, ist jedoch viel Zeit vergangen. Aufgewachsen ist er mit zwei jüngeren Brüdern bei seinem alleinerziehenden Vater in Berlin-Neukölln. Seine ersten Bühnenerfahrungen sammelte er schon 2005 mit kleinen Breakdance-Auftritten in Berlin, im Politik-Studium finanzierte er sich dann sein WG-Zimmer mit Poetry Slams.

Dass er heute von seiner Leidenschaft leben kann, könne er manchmal gar nicht so richtig genießen. Viel zu groß sei die Angst, dass sein „Hype“ genauso schnell auch wieder vorbei ist, wie er kam.

Von Anna Hoffmann